Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 286 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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286 Chaim N. Bialik: In der Stadt des Mordens. Der Märtyrer Geister sind's, trauernd verstörte. Im Winkel unter der Decke des Daches kauern sie schweigend . . . Hier fand sie die Axt, hierher sind sie gekommen, mit dem letzten Blicke des Auges ihres nichtigen Todes Qual zu besiegeln — und den Fluch ihres Lebens. Da lehnend in zitternder Scheu, erheben sie aus den Verstecken lautlosen Ruf nach Sühne, die Augen nur fragen: »Warum?« Und wer, der kein Gott ist, kann diese Stille ertragen! Zum Dache erhebst du den Blick — es dunkeln die Ziegel und schweigen. Doch frage die Spinnen allda, die sind lebendige Zeugen, Augenzeugen, und geben dir Kunde: Vom aufgeschlitzten Bauch, mit Federn gefüllt,- von Nasenlöchern und Nägeln, von Schädeln und Hämmern,- von Menschen, geschlachtet, kopf-erdwärts an Balken gehängt,- vom Säugling zur Seit' der erstochenen Mutter, der schlief, die kalte Brustwarz' im Mündchen,- vom Kinde, zerrissen mitten im letzten »Mama!« — ein halbes »Ma..!« Schau, es blicken auch seine Augen und heischen Rechnung von MIR . . . Und noch vieles wie dieses erzählt dir die Spinne, was das Hirn dir bohrt und für ewig Seele und Geist dir will morden ... Du aber krampfst dich zusammen, erwürgst in der Kehle den Aufschrei, begräbst ihn tief in der Brust, daß er nie sich entwinde — und springst von dorten hinaus — Schau! Es ist alles wie früher und wie vorgestern-gestern verschlemmt die Sonne ihr Licht an die Erde. Nun steigst die Stadt du hinab und betrittst einen grünenden Garten. Dort die geräumige Hürde — das ist die Hürde des Würgens! Wie ein Heer gigantischer Fledermäuse und grauser Vampyre, auf ihren Opfern hingelagert, müde und trunken vom Blute, so liegen gebreitet am Boden der Hürde Räder mit Zacken besteckt, gleich Fingern, zum Morde bereit, die Spitzen beschmutzt noch mit menschlichem Blut und Gehirn . . . Wenn nun der Tag verdämmert, die Sonne im Westen sich senket, gehüllt in blutige Wolken, umgürtet von lohenden Flammen, öffnest du leise das Tor und trittst in die Hürde. Dunkle Angst verschlingt dich, ein Abgrund dumpfen Entsetzens. Schrecken! Schrecken! Schrecken! ... Er schwebt in den Lüften, ruht auf den Wänden, im Schweigen gepreßt. Linter dem Haufen der Räder, zwischen den Ritzen und Spalten fühlst du ein Zucken zerschmetterter Glieder noch die darüber geschichteten Räder bewegen. Und ein letztes, verhaltenes Stöhnen, die Stimme schwachen Gewinseis, hängt dir noch über dem Haupte, als sei sie erstarret, als gärte dort zitternde ein trüber Schmerz, ein Schmerz von Ewigkeiten . ..