Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 281 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die nationale Phrase in der Kunst. 281 Völkerpsychologie ist sofort mit einer Anzahl unbewiesener und unbeweis^ barer Typisierungen zur Hand, die wir aber durchaus ablehnen müssen. Man spridit von der analytischen Begabung der Juden im Gegensatz zur synthetischen, —* als ob diese für eine wissenschaftliche, philosophische Geistesrichtung bedeutsame Unterscheidung für die Psychologie des Künste Schaffens, das ja immer ein Schaffen, also eine Synthese darstellt, überhaupt irgendwie von Sinn wäre. Oder es wird die Bewußtheit und Skepsis des jüdischen Künstlers angeführt, als ob etwa alle Künstler germanischen und romanischen Blutes zum naiv produzierenden, nicht »sentimentalischen« Typus zu rechnen wären. Kurz, alle diese Vorstellungen populärer Rassen^ Psychologie lassen sich genau so gut zur Charakterisierung des jüdischen Künstlers verwenden, wie ihre Umkehrungen. Wenn man es versuchen will, mit Worten jenes jüdische Imponderabile zu umschreiben, das unseres Erachtens allen Werken jüdischer Künstler anzuhaften scheint, hinweg über alle Unterschiede der Zeiten und der stilistischen Epochen des Landes und der sozialen Eingrenzung der betreifenden Künstler, ja selbst über die Grenzen der einzelnen Künste hinweg, gemeinsam der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik, so wäre es etwa dieses: Absolute Abkehr von allem Idyllischen, nur Stimmungsgemäßen, Zu^ ständlichen, daraus folgernd stärkste Intensivierung des Vortrages, eine Intensivierung, die bei minder bedeutenden jüdischen Künstlern nur allzu leicht zur Verwendung unverhältnismäßig starker Kunstmittel <Meyerbeer. OrchesterefiFekt, Heines betonte romantische Ironie, Pissaros Palette) führts Aus dem Zuständlichen wird stets ein Werdendes, nicht nur in den erzählenden Künsten und der Musik, die ja ein Fortschreiten in der Zeit an und für sich als gegeben annehmen,sondern auch in den bildenden Künsten. <Man vergleiche daraufhin etwa die Werke Liebermanns mit denen anderer gleichzeitiger französischer oder deutscher Impressionisten.) So ergibt sich eine ganz eigenartige Konzentration des rhythmischen Gefüges. Diese Definition muß, wenn sie für alle Zweige der Kunst gleichmäßig sinnvoll sein soll, notwendigerweise so allgemein gehalten sein. Die Übertragung auf die einzelnen Kunstgebiete ergibt sich ja ohne weiteres, doch muß noch einmal mit aller Vorsicht davor gewarnt werden, mit derartigen Definitionen zu viel und zu Spezielles aussagen zu wollen. Denn die Gefahr einer theoretisierenden Konstruktion liegt stets nahe und die künstlerischen Tatsachen dürfen nicht zuliebe eines angenommenen Axioms gewaltsam in einen bestimmten Rahmen gezwungen werden. Daher die gewollte Selbstbescheidung bei der Aufstellung obiger Umgrenzungen. Für die Gegenwart, die eine eigene, von Wirtsvölkern kulturell und sprachlich unabhängige jüdische Sphäre als in erreichbarer Nähe be~ trachten kann, ergibt sich das Problem der Stellung der Kunst in einem derartigen jüdischen Volkstum. Soll etwa eine jüdische Kunst geschaffen werden, die die Rathäuser von Jerusalem und Jaffa mit Fresken aus dem biblischen Leben oder der Zeit der Diaspora bedeckt, wie im wilhelminischen Deutschland Burgen, Rathäuser und Kaiserpfalzen mit Fresken^ darstellungen aus der deutschen Vergangenheit geschmückt wurden und man in diesen Werken eine deutsche Kunst zu sehen glaubte? Diese