Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 280 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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280 Paul Zucker: Kunst, die wir über die Bedingtheiten der Zeit und des Ortes ihrer Ent* stehung heraus als spezifisch jüdisch bezeichnen könnten? Wie verhält sie sich zur Kunst ihrer Wirtsvölker und bestehen überhaupt irgend welche Gemeinsamkeiten zwisdien der autochtonen Kunst des jüdischen Ostens und der westjüdischer Mischkulturen? Soll die Antwort nicht aus allge* meinen und unbeweisbaren Phrasen bestehen, so müssen wir sehr vor* sichtig zu Werke gehen. Von Anfang an steht fest, daß eine jüdische Kunst, die Anspruch auf den Namen einer solchen erhebt, nicht etwa auf jüdische Inhalte und Stoffe aus dem biblischen Leben beschränkt sein kann. Fällt aber, wie selbstverständlich, diese Beschränkung fort, so ergibt sich die Forderung, jüdische Prägung und jüdische Wesenheit zu er* kennen, lediglich aus formaler und stilistischer Eigenart. So müssen wir schon Literatur, Musik und bildende Kunst trennen, weiter* gehend Lyrik und episches Kunstwerk, Oper, Kammermusik, Plastik, graphische Kunst, Malerei usw. Verfolgen wir nun aber innerhalb dieser Gebiete das Schaffen jüdischer Künstler und zwar sowohl der im Osten wie der in Holland, Spanien, Frankreich und Deutschland geborenen, so scheint es durchaus, als ob die gemeinsame jüdische Eigenart hinter der Verwandtschaft zum Kunstschaffen der Wirtsvölker zurücktrete. Die Zahl der jüdischen Künstler auf jedem dieser Gebiete ist Legion. Um ihre Bedeutung zu kennzeichnen, braucht man nur an Namen wie Israels, Pissaro, Liebermann, Antokolski, Messel, Mendelsohn, Meyerbeer, Offen* bach, Bizet, Goldmark, Korngold zu erinnern. Wenn schon bei diesen bildenden Künstlern und Musikern das Schaffen ganz innerhalb der kunsthistorischen Entwicklungsreihe ihres jeweiligen Wirtsvolkes steht, wie vielmehr ist es dann erst bei jenen Künstlern der Fall, deren Aus* drucksmittel die Sprache, und zwar eben nicht eine jüdische, sondern jeweilig die spanische, französische, deutsche ist. Es soll hier jeder Hinweis auf einen Einzelnen unterlassen werden, aber es scheint in keinem mir bekannten Falle möglich, zu beweisen, daß auch nur ein einziger der dichtenden oder erzählenden Gestalter jüdischen Blutes formal den Rahmen der ihn umschließenden Epoche seines Geburtslandes gesprengt hätte. Selbst Heine, von dem dies vielfach behauptet wird, ist bei einiger Ver* tiefung in das Wesen der deutschen Romantik vollkommen aus dieser heraus zu erklären. Aufnahme der Tradition, Weiterbildung, ja selbst Revolutionen durch Schöpfungen jüdischer Künstler vollziehen sich immer durchaus in der geistigen Atmosphäre ihrer Wirtsvölker, nie innerhalb einer jüdisch bestimmten. So ist auch in den meisten der westeuropäischen Künstler das Bewußtsein ihres Judentums geschwunden. In den Fällen aber, wo sie aus religiösen Motiven oder Pietätswerten am Judentum fest* hielten, glaubten sie jedenfalls als Schaffende subjektiv nicht mit dem Judentum verknüpft zu sein. Und doch — trotz dieser Erkenntnis *— die auf künstlerischem Gebiet scheinbar eine vollkommene Assimilation feststellt, — es bleibt ein Rest, ein Unsagbares, eine Fremdheit und Distanceempfindung zwischen dem Schaffen jüdischer Künstler und dem der anderen. Wie aber soll man diese spezifische Nüance im Werke definieren? Die populäre trivialisierende