Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 277 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gesetzestreue oder Auflehung. 277 Sie, ich lebe hier isoliert und zu meinem großen Schwerz — fern der Gemeinschaft, der ich mich im letzten Jahre so verwurzelt: habe. Da ist es mir Bedürfnis und Freude, Freitag Abend in die Synagoge zu gehen. Aber meine Gedanken sind andere, als die all der Andächtigen um mich, ich kann nicht beten! —' Ich glaube, das ist das einzige, was mich quält, dies: Darf ich? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir darüber etwas sagen würden. Aber über diese eine Unsicherheit hinaus fühle ich keinerlei Zerrissenheit <die, wie ich auch meine, ein Erzieher nicht haben darf). Da ist nur noch das eine: ich müßte mir die Grenze ziehen können, bis zu der ich fähig bin, zu »halten«. Es gibt Dinge, die, wenn die Tradition fehlt, nie mehr mit Sinn erfüllt werden können. Ich bin fähig, in mir eine echte und warme Sabbathstimmung wachzurufen,- trotzdem wäre es lächerlich, wollte ich im Dunkeln sitzen, weil ich kein Licht anzünden will. Ich tue am Schabbes keinerlei Arbeit, aber es wäre mir eine Beschränkung, würde mir sicherlich das Gefühl des Feiertäglich- Freudigen rauben, wollte ich zum Beispiel nicht schreiben, denn dies mich im Geist mit fernen Menschen, die mir teuer sind, Verbinden gehört bei mir ganz zuerst zum Feiertäglichen. Ich sagte am Anfang, daß ich mich in der Öffentlichkeit dem Gebote der Allgemeinheit fuge —* aus Takt. Das steht aber in der Kategorie der Umgangsformen, das hat nichts mit der inneren Entscheidung zu tun! Also: Ist die Profanierung der großen religiösen Formen erlaubt? Ist die persönliche Freiheit der Auswahl und Neugestaltung erlaubt? Von der Bejahung dieser beiden Fragen hängt es ab, ob ich in mir synthetisch etwas aufbauen könnte, was mich später befähigte, Kindern eine — wie ich glaube ~- jüdische Atmosphäre zu schaffen, ihnen eine Tradition mit auf den Weg zu geben. Und nun komme ich zu meinem letzten: Ich kämpfe um unser Recht, Erzieher zu sein, trotzdem der Zögling von unserem Anderssein unterrichtet sein muß, wie ihm alles, was in das Gebiet der Gesinnung fällt, völlig klar und eindeutig sein muß. Was uns in die Arme der Jugendbewegung trieb, war zuerst die Verständnislosigkeit der Alten, dann aber bald der religiöse Trieb nach einer Umgestaltung unsres Lebens,- was uns den Erzieherberuf wählen ließ, war dann nur die Folgerung, das Gefühl, daß es anders werden muß. Ist das Assimilation? Ist es Assimilation, wenn wir von unsrer Jugend fordern werden, daß sie bewußt, nicht mechanisch und gedankenlos ihre Formen hält? <Ich habe darin auch viel gesehen und gerade dort, wo Sie von der »naiv gläubigen Kindheit« sprechen.) — Ich wünschte mir also, daß all das in Vergessenheit gerät, was heute nicht mehr mit Sinn erfüllt werden kann. Und zwar auch dies nicht in der Gasse, im jüdischen Viertel <wie wäre es möglich, da etwas zu ändern!) sondern in der Jugendgemeinschaft, der Schule. Ich wünschte, daß eine Jugend einst mutig all das Unwahre abstreift/ es bleibt ihr noch übergenug an wahren Schätzen, an Werten, die der Vertiefung harren. Und ich bin mir darüber klar, kommt einmal der Führer und tritt er fordernd und beispielgebend vor die Jugend, dann fallen alle diese Winzige