Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 264 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437759--306-3776695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
264 Heinrich S ü ß k i n d: Eine wesentlich andere Lage ergibt sich für den Betrachter der jüdischen Jugendbewegung. Alles, das ihm das Erfassen der deutschen ermöglicht hat, fehlt hier: zunächst die Jugendbewegung selbst. <Denn sie ist noch etwas Gewolltes, aber noch nicht Vorhandenes.) Dann der jüdische Jugendliche und zuletzt auch lebendiges jüdisches Volkstum. Während also der Betrachter der deutschen Jugendbewegung aus dem Vorhandensein der hier fehlenden drei Elemente sich ihr Wesen denken konnte, muß er bei Betrachtung der jüdischen Jugendbewegung diese erst schaffen. Aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht vorhanden ist. Hier übergeht also der Akt des Betrachtens in einen der Schöpfung. Das ist aber weitaus schwieriger, ja vielen unmöglich. Das vorher Gesagte mußte ausgesprochen werden, um endlich Ruhe zu bekommen, das Sichbescheiden der Alten herbeizuführen und die von ihnen angerichtete Verwirrung auszulöschen. 2. Die Erörterung über den Jugendlichen im allgemeinen bleibt für später vorbehalten. Hier wird versucht, den Typus eines Jugendlichen klarzu^ stellen, wie er sich dem Schreiber ergibt. In Betracht kommt ein Mensch, bestimmtes Alter ist unwesentlich, dem die Welt zur Frage geworden ist, dem sie nicht mehr Einheitliches, Unabänderliches ist. Dem der Schein dieser Welt aufging und der nun nach ihrem wahren Gesicht, ihrem wahren Gehalt sucht. Als Anlaß für dieses Suchen: die vom Menschen, vom beschränkten und schlechten Menschen ganz willkürlich herbeigeführte Ordnung dieser Welt,- als Wille: ihre Umformung nach einer bestimmten Erkenntnis. Es entsteht die Frage: Wie kommt es, daß gerade dieser Mensch an dieser Welt, die doch von so vielen für gut, ja gottgewollt gehalten wird, Anstoß findet. Durch zweifaches kann diese Frage beantwortet werden. Zunächst durch die bestimmte Struktur des Jugendlichen. Sie besteht in dem ganz instinktiv vorhandenen Gefühl des Verlangens nach freier Auswirkung. Die Ideologie des Jugendlichen ist weniger metaphysisch als tat^ sächlich. Er nimmt die Dinge als Wirklichkeit hin, nur sieht er sie von den Alten mißbraucht. Er denkt sich sein Eingreifen, sein Formen der Dinge ganz konkret, indem er das, was die anderen tun, eben anders machen würde. Ausschlaggebend bleibt hiebei sein Wille, zu tun! Sein Denkprozeß ist demgemäß gar nicht kompliziert, spielt sich vielmehr in Gegensätzen ab. Er stellt dem Schlechten ganz einfach das Gute gegen* über, das er will. Dieses Gute sieht er klar und scharf und — das Wichtigste! von sich abhängig. Aus dieser einfachen Erkenntnis stellt er sich ins Leben und nimmt in einer den anderen ganz unverständlichen Sorglosigkeit die Gestaltung der Welt auf sich. Sein Rücken bleibt frei, nicht belastet. Weil er noch den Dingen wertend gegenübersteht und keinem yon ihnen verbunden ist, entscheidet er sich in Freiheit ohne Kämpfe und Wirrnisse. Und Folge: Diese Entscheidung ist sofortiges Eingreifen in Einfachheit, Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit.