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Jerubbaal · 1918-10-01 · 7 (10.1918) · p. Seite 262

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
7 (10.1918)
Date
1918-10-01
Page
Seite 262 (sequence 24)
Language
German
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262 Alfred Kupferberg: Deutsche und jüdische Jugendbewegung. Epitheton: »materialistisch« abtun, wenn jene Theorie auch sicher manchem satten jüdischen Bourgeois häufig als ideales Mäntelchen, eigenen Egoismus zu verkleiden, diente. — So ergab sich parallel der Entwicklung in der deutschen Jugendbewegung auch für die junge nationaljüdische Generation die Forderung einer eigenen, jüdisch^geistigen Lebensform. Auch hier aber divergiert im einzelnen offensichtlich jene Entwicklung von dieser,- denn die nationaljüdische Jugend machte im Gegensatz zur deutschen erst gar nicht den Versuch, die Lebensform ihrer Väter irgendwie zu »vergeistigen«. Man hatte wohl von den Deutschen gelernt, und dann war es den jungen Juden fast apriorisch bewußt, daß die Lebensform ihrer Väter, wenn auch <HL Cohen!> nicht ungeistig, so doch jedensfalls nicht jüdisch war. Aber <— und das ist das Kernproblem —, die jungjüdische Generation isolierte sich nicht oder hätte es wenigstens n i ch t nötig gehabt. Denn eine Lebensform, von welcher sie sich isolieren mußte, existierte ja nicht. Diese Absperrung nämlich, dieser Isolierungsprozeß, der oben rein intellektuell aus dem Bedürfnis nach einer wesensgemäßen Atmosphäre heraus erklärt wurde, ist psychologisch gefaßt nichts weiter als eine Schutzvorrichtung, die verhindern soll, daß die Lebensform, die dem Wesen der Jugend nicht entspricht, sich — »unter Verschleierung ihres wahren Charakters« — doch irgendwie in Herz und Gemüt eines jungen Menschen einschleicht. Trotz aller Ideologien ist es ja klar, daß die Jugend jedes noch so idealistischen jungen Deutschen nur ein vorübergehender, da an bestimmte Jahre gebundener Zustand ist, der sich nicht einmal zeitlich scharf vom »Alter« trennen läßt. Daher stellte in der deutschen Jugendbewegung jene Einkapselung psychologisch eine feindliche Übergriffe verhindernde, notwendige Grenzsperre dar. Die jüdische Jugend braucht diese »Grenzsperre« nicht, weil ihr jugendliches Dasein —- zwar natürlich auch vorübergehend, zeitlich begrenzt ist, aber doch zugleich heute schon mehr und mehr von der zeitlosen nationalen Idee des Judentums erfüllt und gefärbt wird und sich infolge dieser Färbung vom Dasein der Väter so scharf abhebt, daß jeder weitere »Grenzschutz« überflüssig wird. Ja, selbst wenn der jüdische Wandervogel sich isolieren wollte, so würde sein »Selbstzweck« sich sogar gegen den Willen der Träger dieser Anschauung zuletzt als »Mittel« zum Aufbau der nationalen Idee erweisen. Denn die »besondere« jüdisch-geistige Lebensform der Wandervogeljugend müßte dann, wenn diese Form wirklich jüdisch und wirklich geistig ist, doch letzten Endes mit jener oben dargelegten jüdisch^geistigen Lebensform zusammenfallen, an der in Palästina gebaut wird! Wenn anders der Blau^Weiß überhaupt den Willen zu einer wirklich bejahenden Einstellung zum Jüdischen hat — <und den hat er!> so wird er im übrigen, selbst ohne seine besondere »Bereitwilligkeit«, seiner Natur und seiner Entwicklung nach nationale Wirkungen zeitigen, nationale Werte schaffen und das ist, im Vergleich zum eigenbrödelnden deutschen Wandervogel seine Stärke und seine Daseinsberechtigung in höherem Sinne. Alfred Kupferberg.

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