Mannheim
Compact Memory

Jerubbaal · 1918-10-01 · 7 (10.1918) · p. Seite 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
7 (10.1918)
Date
1918-10-01
Page
Seite 254 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3776398-6437699-6437759--296-3776685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

254 Franz Meyer: Zur Problemlage der national^jüdiscfien Jugendbewegung. Der Zionismus ist eine Erziehungsaufgabe. Das besagt mehr als es auf den ersten Augenblick scheinen mag. Es ist zunächst ein knapper Ausdruck dafür, daß er mit Politik im üblichen Sinne des Wortes nichts zu tun hat. Es handelt sich nicht um die Vertretung oder Erstrebung von Machtpositionen, es* gilt nicht, wie Buber sehr richtig sagte, das Judentum durchzusetzen, sondern es zu gestalten. Alles, auch das Realste, Wirtschaftlichste dient nur der einen, im letzten Sinne erzieherischen Idee der Emporbildung des neuen jüdischen Menschen. So bedeutet Erziehung für den Zionismus nicht ein notwendiges Werkzeug, sondern den Inbegriff seines Seins. Kein Zweifel, daß aus dieser ganz eigenartigen Lage auch die Stellung der national-jüdischen Jugendbewegung der gewöhnlichen Betrachtungsweise ferngerückt sein muß. Man hat es dem Zionismus früher vorgeworfen, daß er zumal in Deutschland fast eine reine Studenten* dem urtfS^und kritiklose, jugendliche Schwärmer nachjagen, sondern tiefere Gründe sind es, die den Zionismus und die Jugendbewegung zu einem untrennbaren Ganzen zusammenführten. Sie finden ihren einfachsten Ausdruck im Gedanken der Erziehung. Wer also der national-jüdischen Jugendbewegung vorwirft, sie mache sich zur Vorschule einer Partei, der hat weder den Zionismus noch das Verhältnis der Jugendbewegung zu ihm begriffen. Wir können den Gedanken, daß der Zionismus keine Machtposition vertrete, nun noch einmal auf einer höheren Stufe wiederholen. Auch der Jugend gegenüber vertritt der Zionismus keine von außen an sie heran^ tretende Gegebenheit. Indem er die Jugend zu sich heranzieht, fuhrt er sie zu sich selbst, denn der Sinn der zionistischen Erziehung ist Selbst* erziehung. Die Emanzipation war mehr als eine äußere Befreiuung der Juden. Sie bedeutet eine vollständige Umwälzung auch der geistigen Grundlage der jüdischen Kulturgemeinschaft/ mit ihr geht das jüdische Mittelalter zu Ende. Was dreihundert Jahre früher den europäischen Kulturkreis er^ schütterte, das vollzieht sich nunmehr innerhalb der »letzten Enklave des Mittelalters im neuzeitlichen Europa«. An die Stelle der festen sozialen und geistigen Gebundenheit, die den Menschen bestimmte, durch seine Umwelt, und sein Denken durch eben so sicher gegründete Überlieferungen, tritt die Freiheit des Renaissancemenschen. Der Substanzgedanke des Mittelalters wird ersetzt durch den Funktionsgedanken der Neuzeit. Man tut der Epoche der Assimilation im neunzehnten Jahrhundert bitteres Unrecht und man versperrt sich den Blick für jedes historische Verständnis, wenn man diese Zeit lediglich negativ als eine Zeit des Abfalls, der Auflösung, der Anpassung an das Fremde bewertet. Das ist nur die eine Seite. Iii der gleichen Zeit entwickelt sich aus denselben Ursachen, die jene Erscheinungen hervorriefen, der nationale Gedanke innerhalb des Judentums. Denn dieser Gedanke ist, wie Moritz Goldstein im Buche »Vom Judentum« der Bar Kochbaner nachwies, ein höchst europäischer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.