Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 244 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- IRI
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244 Siegfried Bernfeld: Tagesfragen. Entwicklung unseres Volkes von nun ab organisch vollziehen wird und daß aus der Zahl derer, die aus irgend welchen Gründen in ihrem bisherigen Wohnort bleiben wollen und aus der Zahl derer, die ihn mit Palästina vertauschen wollen, sich gerade das richtige Gleichgewicht ergeben wird, dessen das Volk zu seinem Gedeihen bedarf. Das also müssen wir uns klarmachen: An und für sich ist es nicht die Übersiedlung nach Palästina, in der allein die unerläßliche Konsequenz unserer Gesinnung gegeben ist. Wir sind in dem besonderen Falle, daß unser allgemeines Ziel erfüllt werden kann — ja nur dann erfüllt werden kann, wenn nicht alle das Gleiche tun,- daß die konkrete Zukunftsaufgabe des Volkes nicht die konkrete Gegenwartsaufgabe des Einzelnen ist. Und daraus ergibt sich zweierlei,- erstens: nicht dadurch erweist sich einer als seinem Volke ganz ergeben, daß er bereit ist, nach Palästina zu gehen, daß er mit fieberhafter Ungeduld den Tag der Reise zu beschleunigen sucht, daß er mit einem Anschein von Unbedingtheit nicht fragt, wie so, wozu, was dann, sondern sein Bündel schnürt und heute schon aufbricht* Es kann ein anderer, der nidht so fühlt und handelt, der kaum daran denkt, seinen Wohnort zu verlassen, in viel ernsterem und vollerem Sinne unbedingt seinem Volke ergeben sein und sich ihm tiefer nützlich erweisen. Mißverstehe mich niemand. Es liegt mir fern, jene zu tadeln oder verächtlich zu machen, die in den Straßen ihrer Stadt gehen wie ein Durchreisender für wenige Tage <denn ich müßte mich selbst mit meinem Schmähen treffen) aber das muß jeder wissen, daß dies seine privaten Gefühle und seine Wünsche sind, daß dies alles zunächst in diesen Tagen nichts zu tun hat mit Ergebenheit in die Forderungen des Volkes. Wir wissen noch nicht, was von uns verlangt werden wird. Und wenn wir heute an Palästina denken und ungeduldig sind, es mit eigenen Augen zu sehen, mit unserer ganzen Kraft in ihm zu arbeiten, so sind das unsere Hoffnungen und unsere Wünsche, bestimmt durch unsere persönlichen Erlebnisse hier, durch unsere persönlichen Absichten dort. Eben weil sich in dieser Frage persönlichste Angelegenheit mit der des Vokes vermengt, ist sie so schwierig. Aber eben weil sie schwierig ist, muß sich die Jugend an ihr bewähren. Und ich meine so: was wir müssen, ist, all unser persönliches Tun unterzuordnen den Notwendigkeiten der Gemeinschaft. Wo immer wir sind und was immer wir tun, es muß getragen sein von der Bereitschaft, dem Volk zu dienen, wenn nicht einem noch Höheren. Konkret wird es für den einen heißen, hinüberzu* gehen nach Palästina, für den anderen, seinen Wohnort innerhalb Europas zu vertauschen, für den Dritten, zu bleiben wo er ist. Wir wissen es im gegenwärtigen Moment noch nicht, was von uns verlangt werden wircr/ es ist auch nicht so, daß unser Volk ein Organ hätte, durch das es klar und deutlich seine Befehle an jeden Einzelnen brächte, darum heißt es, so tief und breit wie einer kann, die Lage des Volkes zu über* schauen, so fein und ehrlich wie er vermag, zu hören, was aus ihr an Forderungen laut werden. Wenn aber einer vermeint, einen deutlichen Ruf gehört zu haben, dann muß er, einerlei, wohin er sich gewiesen glaubt, ohne Bedenken,^ Rücksichten und Kompromisse, sich an die Erfüllung