Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 7 (10.1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagesfragen. 243 siedeln, in den letzten Jahren wahrhaftig ernst geworden ist,- nun, da die äußeren Möglichkeiten gegeben erscheinen, verlangen sie stürmisch nach dem Zeichen zum Aufbruch. Eine Haltung, die nicht freudig genug be^ grüßt werden kann, die aber doch dem genauer Beobachtenden mancher^ lei Unklarheit, Verwirrung und Unreinlichkeit zeigt. Nachdem die zionistische Partei durch Jahre als unumstößliches Postulat national-jüdischer Gesinnung und zionistischer Überzeugung die Übersiedelung nach Palästina, oder wenigstens die Aufnahme der Übersiedlung in den Lebensplan des Zionisten gefordert hat, nachdem die Jugend ihr bald geglaubt hat, nun aber sich zu erweisen scheint ~~ in diesem Sinne wenigstens sind alle parteiamtlichen Äußerungen bisher allein zu verstehen gewesen — aaß die Übersiedlung nach Palästina für die große Masse der jüdischen Jugend für absehbare Zeit nicht möglich ist, ergibt sich die Notwendigkeit, die Frage noch einmal von Grund auf neu zu überlegen. Zunächst ist klar, darin brauchen wir nicht zu revidieren: die ökonomische und die kulturelle jüdische Frage kann nicht gelöst werden ohne die Schaffung der öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte im alten Lande. Soll dem ganzen Volke geholfen werden können, so muß ein Bruchteil von ihm, und zwar kein unbeträchtlicher, sobald als irgend möglich im Lande angesiedelt werden. Dies ist tatsächlich ein unumstößliches Postulat für das jüdische Volk. Bei anderen Völkern ist die Aufgabe des Bin^ zelnen in seiner Nation so gut wie immer schon klar gegeben, wenn das Ziel, zu dem die Nation als Ganzes hinstreben muß, erkannt ist. Bei uns jedoch ist dies nicht ganz so. Bei uns besteht ein gewisser Widerspruch zwischen den reinsten politischen Zielen des Volkes und der sittlichen Aufgabe, der nationalen Pflicht jedes Einzelnen. Ich und du und jeder Einzelne von uns hat nicht darum die Pflicht, nach Erez Israel zu wandern und dort zu leben, zu arbeiten und zu streben, weil das Volk als Notwendigkeit </er Schaffung einer Siedlung im Lande be^ darf,- nur Einzelnen, nur einem Teil wird dies zur Pflidit. Die anderen müssen und sollen bleiben, auch das verlangt das Volk als Ganzes. Man muß sich dies völlig klar machen und muß sich hüten, dies als Sophisma zu empfinden. Es ist die einfachste Wahrheit, daß keiner von allen Männern, die berufen sind, die Zukunft des jüdischen Volkes zu deuten und zu weisen, als nötig oder möglich erkannt haben, daß es in seiner Gänze seine Wohnstätte m in Palästina nimmt. Wenigstens für die nächsten Jahrzehnte, die für uns Heutigen allein in Betracht kommen, ist dies gewiß. Freilich andererseits, wenn keiner sich aufmachte und jeder als seine Pflicht empfände zu bleiben, wo und wie er ist, könnte so wenig die Lösung der wichtigsten Volksfragen erlangt werden, als wenn wir nun alle hingehen, um in einer chaotischen Wirtschaft uns selbst zu vernichten. Heute scheint die Gefahr nicht groß, daß sich keine Entschlossenen finden würden, daß niemand aus wirtschaftlicher oder geistiger Not getrieben, letzte Zuflucht in seiner Heimat suchen würde, daß nicht Hunderte und Tausende einfach aufbrechen werden, -> um dorthin zu gehen, wo man sie braucht. Wir dürfen erwarten, daß sich die 18*