Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 6 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 229 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Jaacov Hakohen: Vom Religionsunterridir. 229 dem Anblick verschiedener »Jüdischer Zustände«, die sie bis zur Durch* Setzung ihres Willens kennen lernen mußte. Und ich selbst kenne die Verhältnisse genau, die in den Religionsstunden, besonders an den Mittelschulen herrschen, weiß so manchen Zionisten, der mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner jungen Seele Judentum und jüdische Gemein* schaft suchte, der ebendiese Religionsstunde als den geeignetesten Platz empfand, wo eine Aussprache zwischen den Zionisten und jenen Mitschülern stattfinden könnte, die dem Judentume gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen und weiß Fälle, wo die betreffenden von ihrem Religionslehrer deswegen verhöhnt wurden, ja, durch einen Tadel in Religion gebührend bestraft wurden. Und ich frage: Was bedeutet der heutige Religionsunterricht an den Mittelschulen für die Schüler? Die Antwort lautet: Eine Stunde, in der man meistens — wenn man sich nur ruhig verhält — seine Aufgäben für irgendeinen anderen Gegenstand er^ ledigen kann, eine Stunde, die dem Zionisten nichts gibt, da er ohnedies mehr hat, als geboten wird Vorausgesetzt nämlich, daß die naturwissenschaftlichen »Beweise« der »Richtigkeit« der jüdischen Religion, wie sie manche besonders klugen Lehrer zu geben lieben, nicht nach seinem Geschmacke sind) für Nichtzionisten oder Assimilanten höchstens die Ursache, konfessionslos zu werden, um dem — allenfalls lästigen —* Religionsunterrichte zu entgehen. Ferner, bei besonders strengen Lehrern: Unterricht in den Anfangsgründen der hebräischen Sprache, wobei jeder, der sich ernsthaft beschäftigen würde, in einer Woche weit mehr lernen könnte, als auf diese Art in einem ganzen Jahre, einen Unterricht aber, der keinem der Schüler auch nur eine Seite des Judentumes zeigt, der mit Judentum ebensowenig zu tun hat, wie die unregelmäßigen griechischen Verba mit der Weisheit des Plato, wobei aber der Unterschied besteht, daß man besagte Zeitwörter lernt, um später Plato lesen zu können, während kein Religionslehrer dazukommt, auch nur Schülern der letzten Klasse eine Seite der hebräischen Bibel verständlich zu machen. Man wird mir entgegnen, daß es an Lehrstunden fehle, also Zeitmangel die Ursache sei. Ich will zugeben, daß die Zeit knapp ist, es fehlt sogar noch manches andere, niemals aber werde ich die Behauptung zugeben, daß in der jüdischen Religionsstunde auch nur annähernd das geboten werde, was, selbst bei dieser beschränkten Zeit, geboten werden könnte. So sehe ich die Verhältnisse. Nun ist aber von Seiten der Kultusgemeinde keineswegs die so dringend notwendige Abhilfe zu erwarten, ich finde daher nur die Möglichkeit, jene kurze Zeit in der Woche der jüdischen Jugend halbwegs fruchtbringend zu gestalten, das heißt, die einzige Gelegen^ heit, wo allen jüdischen Mittelschülern gezeigt werden könnte, was Judentum ist, nicht unnütz zu vergeuden, wenn die jüdische Jugend, der es mit ihrem Judentume ernst ist und die jüdische Jugend, die überhaupt erst kennen lernen möchte, was Judentum ist, sich zusammenschließt und ihrerseits die Sache in die Hand nimmt, um. die unerträglichen Zustände -zu ändern. Und zwar schlage ich vor: die Gründung eines geheimen oder öffentlichen Bundes der jüdischen Mittelschüler, der sich mit aller Gewalt dem Weiter^ betriebe der Religionsstunde auf die bisherige Art widersetzt; der auch