Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 6 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 227 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Lieber Wanderbruder Gerhard Sdholem! 227 Ebensogut war es auch, daß jemand aufgestanden ist und dem Erlebnis^ kult, der bei uns einzureißen droht, einen Spiegel vor die Augen hielt. Est ist wirklich nicht gut, daß jede glücklich geborene Wort^Neubildung als die neue Heilsidee in die Welt hinausposaunt wird und daß im Feuilleton^Stit lustig drauf los philosophiert wird. Aber sdiließlich, wer unter uns, der nicht mehr oder minder knapp an dieser Scylla einmal vorbeigesegelt ist? Auch wissen: wir ganz gut, daß auf der andern Seite eine Charybdisdroht <die mir immerhin noch das kleinere Übel zu sein scheint). Andrerseits aber sehen sich Phrase und Gedanke oft ganz verflucht ähnlich^ denn beide müssen in Worte gekleidet sein, wenn sie mit* geteilt werden wollen.. Du magst noch so sehr gegen die Worte wettern und protestieren, es sind; letzten Endes auch nur Worte, in denen Du diese Deine Protestgedanken ausdrückst. Du wirst mir stolz erwidern, daß Du bald in. Taten: Deinen Protest laut werden lassen willst, wir hoffen es alle und wünschen» es Dir und unserer Sache, der wir gemeinsam dienen, von Hirzen. Aber Du solltest uns auch glauben, daß auch wir die ehrliche Äb^ sieht haben, unsere» in Worten ausgedrückten Gedanken Taten folgen zu lassen.. Worte aber sind und bleiben das gemeine Verständigungsmittel zwischen. Menschen, das Schweigen hingegen ist ein Mittel, das nur in kleiner, zit tiefst erlebter Gemeinschaft manchmal der Verständigung dienen kann. So. liegt wohl manches trennend zwischen uns, doch nicht so viel, als Da selber glauben magst. Hatte sich aber auch erwarten lassen, daß unsere jüdische Jugendbewegung nach der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits fix und fertig dastehen würde, wie das Küchlein aus dem Ei? Ich muH gestehen, ich wünschte es. gar nicht. Eine solche Fixigkeit wäre, mir; und ich* glaube auch Dir, verdächtig. Deshalb glaube ich auch, im Namen, vieler zu sprechen, wenn ich Dich bitte, bei uns in der Jugend^ bewegung zu bleiben, als Einsamer, wenn Du es so magst, als Grollen^ derr wenn* Dü. nicht anders kannst, aber doch als <fer unsere, von dem man manchmal? etwas hört und wären es auch immer nur so harte Schelteworte wie dieses Mat. Beiden Teilen wird solche Aussprache besser sein als das Äusschweigen. Deshalb habe ich heute auch nur über das: Negative gesprochen, d. h. über das, was Du an uns verneint hast. Du wolltest es ja selbst nicht anders und hast nur ganz flüchtig Positives gestreift. Ich. erinnere an Deine Worte: »Reine Jugend erlöst sich in der Klagec und »Wie könnte sich die jüdische Jugend anders organisieren als in einem Geheimbund?« Über diese Dinge wäre sehr viel zu sagen, nur müßtest Du der erste sein, der darüber spricht, denn es wäre wohl nicht viel mehr als bloßes Geschwätz, wenn ich heute meine Anschauungen über diese Dinge, des langen und breiten ausgeführt, diesen allzuknappen Worten entgegenhalten wollte. So möge denn, das ist mein Wunsch, der Rest nicht Schweigen sein,, sondern: weitere Aussprache. Zum Schlüsse grüße ich Dich, über alles was uns trennt und auch über das* was uns gedanklich verbinden mag, hinweg, mit dem ehrlich gemeinter* alten Judengruß <den Du uns nimmer verunglimpfen mögest^: vhv Linz, am* 3. Oktober 1918. Dr. Rudolf Menzel.