Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 5 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 198 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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198 'Vom Leben der Jugend. davon. Man empfängt von ihm den schlimmen Eindruck, als ob die Heraus* geber das jiddische Lied nie aus dem Lebendigen gewonnen, geschweige denn gesammelt haben und sich nicht einmal bemühten, die erwähnten, jedem zug[äng* liehen Sammelwerke zu Rate zu ziehen. Sie haben sich an die minderwertigen, dilettantischen Ausgaben gehalten, ohne Unterscheidungsvermögen, was an Un* tauglichem und was an Zulässigem darin war. Ich muß hier kurz erwähnen <ein* gehender erzähle ich davon in einem demnächst vom »Ausschuß für jüdische Kulturarbeit« herauszugebendien Merk* blatt), daß längst nicht alles, was unter der Marke desjiddischen Liedes geht und in gewissen Schichten des Bürger* tums Liebhaber hat, echt und vom Volke geschaffen ist. Der Badchen, dieser bemerkenswerte Erheiterer häuslicher Feste und Lustbarkeiten, hat eine Gat* tung meist moralisierender Kunstlieder aufgebracht, die nur selten, in langen Jähren von den Volksmassen umge* •schaffen und verinnerlicht, wie Volks* lieder hervörzutaudien die Qualität haben. Volksdichter und Korn* poiiisten der neueren Zeit haben außer* "dem den Mißbrauch eingeführt, Künste lieder, die mehr oder minder glücklidi den Volkston treffen, als »Volkslieder« herauszugeben, statt sie bescheiden »Lieder für das Volk« zu benennen. Es ist keine Entschuldigung für einen " Jugendbund, der sich von den kultur* losen Unarten des heutigen bürgerlichen Menschen unbedingt freizumachen hat, daß solcherlei Dinge in einigen, dem Kern des Volkstums entfremdeten Schichten ostjüdischer Bourgeoisie den ' legitimen Volksgesang verdrängt haben. Was würde man zu deutschen Wander* -vögeln sagen, die ihren Zupfgeigen* hansl mit Reimereien füllten, wie sie von Baumbach, Presber, Herzog und ähnlichen Barden geliefert werden. Im Blauweißliederbuch haben aber zwei Drittel, 11 von 13 jiddischen Ge* sängen mit dem Völkslied nichts zu tun. Eins davon <Sfite 71) ist aus der Operette, acht <Seite io, 12,15, 70, 81, 84, 90,135) stammen von Warschawski, Zunser usw. Eins, ein schönes Kinder* gedieht Bialiks, wird in einer unbrauch* baren Vertonung geboten / das Lied, Seite 4, ist die nicht eben durch poeti* sehen Gehalt oder originale Melodie ausgezeichnete Parteihymne der Poa* le Zion. Es verbleiben sieben Nummern die sich allenfalls als Volkslieder an* sprechen lassen. Aber fünf davon <der* artiges trifft man ja in der Folklore jeden Volkes) eignen sich lediglich für eine ausgedehnte, das gesamte Inventar verzeichnende Sammlung, die auch be* langlosere Stücke enthalten darf, nicht aber für eine knappe Auslese des Wer* tigen. Von den beiden einzigen reprä* sentativen Liedern <Seite 146 und 103) wird obendrein das letztgenannte Liebes* lied in einer verstümmelten und wenig gelungenen Variante hingestellt. Allein anerkennenswert in dem Büchlein ist die Isaak Spielrein zu dankende Trans* kription. Selbst Noten* und Lauten* satz wimmeln stellenweise von Fehlern. Wer auch nur flüchtig in die verbor* gene Welt des jiddischen Liedes ein* zudringen unternahm, weiß von den erheblichen Schwierigkeiten, die sich jedem Westjuden hier entgegenstellen. Die eigentümliche uneuropäische Singweise, die Tonbildung, die begleitende Geste, das Melodische, das Zeitmaß sind ihm fremd. Das umfangreiche Inventar der in diese Lieder hineinspielenden typi* sehen Stände, Berufe, der kulturellen und religiösen Institutionen, mehr noch die geheimen Gründe der hier besungenen seelischen Erlebnisse und historischen Schicksale fordern zwingend Einführung und Erklärung. Da aber die Heraus* geber selber sich niemals ernsthaft um das jiddische Lied bemüht hatten, fehlt ihnen jede Einsicht in dieses Erfordernis. So haben sie das Widersinnige fertig gebracht, solche Lieder westjüdischen Kindern und Jünglingen, die nun ratlos davorstehen, ohne anleitende und erleich* terndeBemerkungen in die Hand zu geben. Gewiß, es wird ein Vorwort geboten, aber grade dieses rtift jeden nicht aus* schließlich aus parteipolitischen Rück*