Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 5 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437757--218-3776609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 Isak Grünberg: Diese Idee muß nicht im Volksgefühl jedes Einzelnen ganz klar beschlossen sein> aber sie muß dem Volksgefühl als Ganzem zugrunde liegen. Das heißt: Wenn der betreffende einzelne Mensch auch nodi bewußter wäre als er's ist, müßte er zu dieser Entscheidung gelangen, oder »anders betrachtet: Der bewußte Mensch im Volke muß der Gipfel des unbewußten sein können, muß-vom hälbbewußten als slocher erkannt werden und eine Verbindung muß laufen zwischen allen diesen Stufen. Frida Schiff. Gedanken. Ich bin mir vollkommen der Unzulänglichkeit meiner Einteilung bewußt, wenn ich sage, es gibt drei Entwicklungsstufen des geistigen Menschen, die zugleich drei Typen des Menschen überhaupt darstellen. Ich will die folgende Einteilung auch nicht als erschöpfend angesehen wissen, sondern als Feststellung von Unterschieden, die genug wichtig sind, um festgestellt zu werden. Der Mensch in seiner Kindheit und frühen Jugend sieht das Leben als ein Märchen an. Sein im Gefühl befangenes, nebelhaftes Schauen erfaßt die Dinge nicht als einzelnes, dem Nichts entwachsenes, sondern baut Zusammenhänge. Er sieht sie als Endgültiges und Unumstößliches, an dem zu rütteln ihm nicht beifällt. Ich sehe das bildhaft vor mir: Die Dinge sind ihm wie eingebettet in Daunen und schließen sich lückenlos zum Märchen des Lebens zusammen. Hinter den Worten ist ihm nicht Wirklichkeit, sondern Märchen. Um es an einem Beispiel zu erläutern. Jeder Kleinstädter wird mich aus Erfahrung verstehen. Seine Vorstellung von der Großstadt ist nicht an Reales geknüpft/ die Großstadt ist in seiner Phantasie ganz einfach ein Märchen. Daher kommt dann die Enttäuschung beim Kennenlernen der Großstadt. Und ebenso geht es ihm mit dem Theater und hundert anderen Dingen. Die Wirklichkeit kommt gegen die Phantasie nicht auf. Ich kenne die Psychologie des jugendlichen Großstädters nicht. Wahrscheinlich aber liegt darin der Grund für die innere Schwer^ fälligkeit des Kleinstädters, die Diskrepanz zwischen seinem Inhalt und seiner Form,- dagegen die Glätte und Leichtigkeit der Form beim Groß* Städter. Das nur nebenbei. Gemäß seiner Vorstellung vom Leben nun geht das Streben vor allem des Kindes, aber auch des Jugendlichen im Pubertätsalter auf die Lust und auf das Glück. Sie wissen eben nichts anderes als dieses: Vieles Schöne aus der Unendlichkeit des Schönen für sich zu erfahren. Gemäß dieser Entwicklungsstufe gibt es auch einen Menscherityptis. Doch ist für diesen Menschen nicht das Märchenhafte so als das Endgültige bezeichnend. Das Alter und die Erfahrung zerstören das Märschen/ wischen das Zauberhafte aus dem Leben fort und lassen die Dinge in schwächer oder stärker hervortretender Nacktheit zurück. Doch bleibt als Haupt* merkrhäl hoch die Endgültigkeit und Unumstößlichkeit. Das ist die Masse der Menschen, die an die Erscheinungen des Lebens und seine Formen