Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 5 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 185 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437757--217-3776608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Entscheidung zum Volk. 185 und Zweifel versuchen überall das Bestehende zu zersetzen und machen erst vor dem Unzerstörbaren (weil Unabhängigen, Unbedingten) halt. Es läßt sich daher das Auftreten solcher Typen ebensowohl als Kranke heitserscheinung wie auch als Regenerationserscheinung des Gemeinschafts* Organismus auffassen. <Hingegen die betreffenden Personen an und für sich als »krank« zu bezeichnen, gäbe gar keinen Sinn. Man muß sie erst mit einem für die betreffende Gruppe normalen Typus vergleichen, um behaupten zu können, sie seien krank.) Eine Gemeinschaft, die nicht mehr fähig ist, solche Scheide-Elemente hervorzubringen oder zu ertragen <entweder, daß sie sie ausweisen muß, oder daß sie an jener Zersetzung zugrunde geht) hat ihre produktive Kraft ausgewirkt und stirbt ab. Das Gesundungs* oder Erkrankungselement der Menschheit ist die Jugend. Sie ist es, die über Leben* oder Nicht-Leben*Wollen immer wieder entscheidet. Von diesem allgemeinsten Fond entsendet sie dann Ströme in alle ein* zelnen Formen des Menschentums, so daß auch diese alle immer wieder von ihnen durchsetzt werden. Unter anderen gelangt so ein Strom Fra* gender, Scheidender, Entscheidender auch immer wieder in das Gebiet Volk. Und wehe dem Volk, das sich diesem Strom verschließen müßte. Es würde in kürzester Zeit alle Daseinsberechtigung, allen Schicksalsmut, alle Wagefreiheit verlieren, Armut des Besitzes und Feigheit, dies wenige zu erhalten, würde sich in endloser Folge steigern, sobald es nur einmal ver* meinte, statt des unsicheren Ganzen die gegebene Beschränktheit wählen zu sollen. Aber es ist gar nicht immer Feigheit, es ist oft auch leichtsinniges Besserwissen, Rationalismus die Ursache einer dann nicht mehr gut zu machenden Verflachung des Volkspathos. Weil es scheinbar nicht anders sein kann, oder weil ich es so erlebt habe, daß Jude sein auch heißen muß: Jude sein wollen, daraus darf nie eine selbstverständliche Gedankenabkürzung werden, indem ich nun einfach die Tatsache jüdischer Geburt mit dem Pathos jüdischen Einge* stelltseins identifiziere. Dies Pathos muß vielmehr die bewußte Überwindung des Zweifels sein und bleiben. Wenn ich Jude bin, so bin ichs im Gefühl, den Rhytmus verschiedener Völker verspürt zu haben und schließlich im jüdischen Volk meinen Rhythmus wiedergefunden zu haben. Daß es mein Blut ist, welches die Verbindung herstellt zwischen dem Wesen des frei erwählten Volkes und meinem gegebenen Schicksal, ist eine Tatsache, die mir im Nachhinein Erklärung, niemals im Vorhinein Bestimmung sein darf: Nun erst will ich das, was meine Zukunft, was mir "Wert, Forderung, Mühe, Tat, kurz: Menschlichkeit sein soll, jüdisch nennen.