Mannheim
Compact Memory

Jerubbaal · 1918-08-01 · 5 (8.1918) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
5 (8.1918)
Date
1918-08-01
Page
Seite 182 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3776398-6437699-6437757--214-3776605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

182 Eugen H o c f Ii ch : Ein jüdisches Gemeinschaftsleben in Palästina erfordert mehr, als bis heute Juden dem Lande gegeben haben. Es fordert ein Überwinden des Nureuropäischen in uns, denn abgesehen davon, daß die aus Europa zurück* kehrenden Juden nicht die einzigen Juden im Lande Israels sind, ist europäisches Wesen unvereinbar mit jüdischem Geiste, der ein orientalischer ist. Wo Europa Organisation als Höchstes, Erstrebenswertes setzt, setzt der Orient äußerliche Gleichmut, scheinbare Unorganisatiön,- Europa sucht Werte zu schaffen, die nie dem Orientalen so wertvoll werden können, daß er auch nur einen Menschen ihrethalben entindividualisieren könnte, denn der Orientale ist nicht Zweckmensch. Europa will Werte. Werte trotz aller Hindernisse und glaubt die Annäherung an die Befriedigung, das Ziel aller Philosophie auf diesem Wege zu erreichen. Seine eudaimonistischen Triebe führen es dazu, die Berge zu zerbohren, wie es <Jie Seele des Menschen zerbohrt, es amerikanisiert die Gefühle, um Werte, ewig Werte zu schaffen und es mechanisiert jede Faser des Menschen, um weiterzuhasten, einem neuen Gotte zu, einem noch unbe* kannten, der noch höher stehen dürfte als das augenblickliche Idol Europas, der Götze der mehrwertheckenden Entwertung des Menschen und' seiner Menschlichkeit zum Zwecke der Wertzeugung. Diese Veräußerlichung alles menschlichen Lebens, diese Zweckmäßigkeit alles Geschehens ist dem Orientalen unnatürlich, und wir Juden fühlen, wenn wir unserem Fühlen Raum geben, die furchtbare Qual in uns, die dieses Mitmüssen, mit dem Europa, in das wir ungefragt gestellt wurden, in uns auslöst. Hier ist die Sdieidung zwischen Okzident und Orient, hier müssen wir uns entscheiden, ob wir wieder zu unserer Natur zurück* kehren wollen oder weiter, elendes, zerquältes Leben tragend, unsere ursprüngliche Innerlichkeit dem seelenzermalmenden Schwungrade dieser europäischen Zeit bieten wollen. * Unsere Gemeinschaft fordert Rückkehr zum alten Judentum/ zu seinen Sitten und zum Sinn seiner Gebräuche, denn sie sind der stärkste Widerstand gegen das Einsickern des Merkantilismus, jenes Imperialismus des Geldes, gegen die Vereuropäisierung unseres jüdischen Gemeinschafts* lebens. Wenn auch schon der Eine oder Andere, der sich Führer fühlt, vor seinem geistigen Auge ein Palästina sieht, in dem Fabrik neben Fabrik steht, Börsenbetrieb das Leben des Tages ist, jüdische Kuli in den Fabriken und alle Errungenschaften eines elektrowahnsinnigen Jahrhunderts, wenn auch Dieser oder Jener, der sich Führer nennt, unsere große Forderung, unsere große Sehnsucht nicht versteht, wenn er sich auch hinwegsetzt über den kategorischesten Imperativ des Juden: Werde was du warst!, wenn er auch ein Moskau, Berlin, New York in Palästina propagiert, wenn er auch eine jüdische Masse will, deren Gemeinsames nur die leibliche Not ist, höchstens noch eine längst vergessene Historie, nicht aber lebendes Bewußtsein der Rasse, der Herkunft, der Religion, wenn auch Dieser oder Jener das Wesen des Judentums durchaus falsch erfaßt hat, kann die große Idee im Judentum, die ihre vornehmste Äußerung in der jüdischen Religion gefunden hat, nie zugrunde gehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.