Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 5 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Älbrc&t Hell man n: Erbe übergeben, das man es lieber wegwerfen möchte als es weiter zu tragen? Wozu braudit man die jüdische Seele? Trägt sie Zinsen, kann man mit ihr Karriere und <bis vor den Regierungserklärungen für den Zionismus, der also doch keine verfehlte Spekulation« war ~~ die Augen quollen den Leuten vor Staunen heraus) »Staat machen«? Jugend? Jugend ist ein Luxus und kostet Geld. Je eher man aus diesem Rausch erwacht und den »Ernst des Lebens« kennen lernt, der — unter uns — nur aus Geschäften besteht, vom »Geschäft« und Vergnügen bis zur Heirat und Liebe, desto besser. Wer kennt sie nicht, diese Väter, die schon mit fünfzehn Jahren Geld verdient haben und deren Seele bis heute in dieser einen Beschäftigung aufgeht, wie sie mit Stolz versichern, ohne in ihrer Ahnungslosigkeit zu merken, daß ihre .Seele längst daran zugrundeging. Ist ein Volk schon je so tief gesunken wie das unsere? Keines ist so hoch gestiegen, um so tief fallen zu können. Man kann heute kaum ermessen, wo sich dieses Volk einmal befand. Die Jahrhunderte sahen das unaufhörliche, ungeheuerliche, rasende Ringen Israels mit seinem Gott, hörten den notvollen und irren Schrei aus seinem blutenden, verkrampften Herzen: »Ich lasse dich nicht, du segnetest mich denn«, sahen dieses maßlose Schicksal, dessen Grauen noch dem Enkel den Atem benimmt und ihn stumm und steinern werden läßt. Gab es einen Schmerz, der nicht die Seele des jüdischen Volkes gestreift hat, eine Erniedrigung, durch die sie nicht hindurchgegangen war, eine Marter, die sie nicht er* duldet, eine Schmähung, die sie nicht erlitten, einen Jammer, den sie nicht bis zum Letzten und Bittersten ausgekostet hat? Und sie lebte doch, diese jahrtausendejunge Seele, war groß und hoch und leuchtend in der ungebeugten Kraft ihrer Jugend/ lebte in der größten religiösen Spannung, in der höchsten Steigerung des Gefühls, im. klarsten und schärfsten Daseinsbewußtsein, das die Welt je gesehen hat. Von damals bis heute, von den Urvätern, Propheten, Erlösern, Gottsuchern, Märtyrern bis zu den greisenhaften, seelenlosen und kalten Menschen, die sich — welcher Hohn! die »feiner« klingende Bezeichnung: Israeliten, Gotteskämpfer, beilegen lassen/ von dem früheren elementaren Pathos und der schranken* losen Leidenschaft der jüdischen Seele bis zur gegenwärtigen kühl rechne* rischen und kultivierten Geschäftigkeit — welch ein Sturz! Kein Volk ist so versklavt und erniedrigt worden wie das jüdische durch seine eigenen Söhne, kein Volk wie dieses so seelenvoll und jung gewesen und. so entseelt und alt geworden. III. DIE JUGEND DES JÜDISCHEN VOLKES. Das altgewordene und seelenlose Volk kann auch keine Jugend haben. Das jüdische Volk hat heute keine Jugend mehr. Die vielen .jüdischen jungen Leute, die man die jüdische Jugend nennt, sind nicht seine, sondern eine fremde Jugend. Aber die zionistische Jugend? Gehört auch sie nicht dem jüdischen Volke zu? In ihr lebt doch die Seele des jüdischen Volkes in ihrer alten, das ist in ihrer jungen Reinheit, Größe und Leidenschaft wieder!