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Jerubbaal · 1918-07-01 · 4 (7.1918) · p. Seite 162

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
4 (7.1918)
Date
1918-07-01
Page
Seite 162 (sequence 40)
Language
German
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162 Rundschau. Jüdisdie Volkskunde. Nicht mit gelehrten Daten wollen wir hier belasten. Zur Mitarbeit einladen wollen wir. Lebensätifßerungen des jüdischen Volkes sollen unsere Leser uns sammeln helfen. Wie lebt das jüdische Volk? Wie spiegelt sich seine Seele wieder, wie wirkt seine Sönderart sich aus in Sprache und Sprichwort, in Sang und Sage, in Sitte und Brauch, in Spiel und Glaube, in Volks* kunst und Tracht? Auf allen diesen Gebieten gilt es liebevoll, sorgfältig be* obachten, Fakten zusammentragen. Aus diesen Steinchen ist dann ein Mosaik zu bilden, das Bild des jüdischen Volkes im Sinne der Volkskunde <Folklore>. In Fülle bieten sie sich dar überall, wo das Leben des Juden noch jüdische Eigen* art aufweist. Sei es in der Heimat, sei es — und hier besonders — in der Fremde, wo jede Abweichung von eigener Art und gewohntem Brauch sofort auffällt. Dem jugendlichen Sammel* eifer unserer Freunde erschließt sich hier ein weites Feld der Betätigung. Sagen wir es aber gleich: einer Betätigung, die dem Neuling leicht den Mut benimmt. Beim Volke, das doch über sich selbst zu befragen ist, wird man zunächst für diese Arbeit kein Verständnis finden. Vielfach stößt man auf Argwohn und Scheu, bei nidit wenigen auf gering* schätzige Abweisung, bei manchen »Ge* bildeten« geradezu auf Widerstand. »Wozu diese Chederunarten konser* vieren? Wozu diesen Aberglauben publi* zieren, diese Ghettomanieren glorifi* zieren?« Gewisse Kreise schämen sidi solcher Erinnerungen an die eigene Vergangenheit. Diese Sdiam und Scheu und Miß* achtung zu überwinden, ist Sache des politischen Taktes. Dort, wo es nicht hinreicht, das Forschungsobjekt, wie der Jäger das Wild beschleicht, unauffällig zu beobachten, muß, man sein Ver* trauen zu gewinnen suchen. Als Gegen* schau.__ wert irgendeiner Gefälligkeit erhält man in der Regel die gewünschte Auskunft. Anderen empfiehlt es sich den prak* tischen Wert unserer Arbeit anzu* deuten. Unsere Forschungen zeitigen zunächst das wissenschaftliche Ergebnis, daß sie über geistige Zusammenhänge zwisdien dem jüdischen Volk und anderen Kultur* kreisen Licht verbreiten. Zugleich tritt hier aber auch der Gegensatz zwischen jüdischer und fremder Art hervor. Der jüdische Volksglaube zum Beispiel er* weist sich nahezu vollständig als Ent* lehnung. Um so auffallender ist es, daß die in anderen Kreisen immer wieder* kehrende Entziehung von Menschenblut und die Verwendung gestohlenen Gutes zu magischen Zwecken im Volksglauben der Juden mit keinem Worte Erwäh* nung findet. Unter den jüdischen Volks* liedern sind viele, wenn nicht geradezu entlehnt, mit Liedern anderer Völker auf eine gemeinsame Urform zurückzu* führen. Gerade in dem aber, worin sie von diesen Verwandten sich unterschei* den, liegt das charakteristisch Jüdische. Sodann liefert die jüdische Volks* künde die Entstehungsgeschichte jüdischer Volksbräuche und damit für die häus* liehe Freitagabendfeier, den Seder und andere Träger jüdischen Volkslebens einen neuen Unterbau. Während die Abnahme des religiösen Sinnes sie gefährdet, werden sie so zu Kraftquellen nationalen Bewußtseins. Nicht nüchterner Forschungstrieb allein, nicht rein theoretisches Interesse ist es somit, was den Juden zur jüdischen Volkskunde führt. Eine Gefühlsnote schwingt darin mit. Und je eifriger und ernster er sich in die Arbeit vertieft, um so weiter und ansprechender er* schließt sich ihm das Gemütsleben sei* nes Volkes, um so stärker muß seine Stammesliebe werden. Wenn er die jüdische Mutter an der Wiege ihres Kindes belauscht, wenn er die in ihrer schlichten Selbstverständlichkeit um so

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