Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Ri<fiard Beer^Hofmann und das Judentum, 159 beziehungsvoller geworden. »Du bist ihr Leben, ihr Leben ist dein. Mirjam, mein Leben«, singt das Schlaflied. In einer zweiten Richtung ist in den Werken BeerJHofmanns das antike Judentum wirksam und lebendig. Religion, wenn wir das Abhängigkeitsgefühl von höheren Mächten so nennen wollen, ist keine Angelegenheit des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. Was wir individualistisch Religion nennen, die persönliche Auseinandersetzung mit Gott, das hat nichts mit dem antiken Begriff der Religion zu tun. Gott sorgte auch für den Einzelnen, aber nur insoferne er Träger eines unsterblichen Keimes war, als Mitglied des Stammes. Privates Unglück war nichts, was die Beziehungen des Ein^ zelnen gestört hätte. Zu tief waren die antiken Juden davon durchdrungen, daß auch persönliches Unglück und Glück mit dem Wohl und Wehe der Gemeinschaft verknüpft sind,- daß, was geschieht, gerecht ist und keine Handlung an sich bedeutungslos ins Leere ging. Wir würden uns von hier aus getrauen, in einigen wesentlichen Punkten die Stellung Beer^Hofmanns zu Problemen des Judentums — freilich ohne Gewähr — zu konstruieren: das Sonderschicksal der Juden erscheint ihm nicht als ein Ungefähr, von blinden Mächten so gestaltet. Fluch und Segen, die auf diesem Volke ruhn, das große Fragezeichen ihres Leids und ihrer Absonderung — auch sie fallen unter die Wirkung vorbestimmter Gesetze. Im letzten Grunde geschieht kein Unrecht,- notwendig erscheint alles Leid und alle Seligkeit mit allem verknüpft. Dieses Volk muß weitergehen nach dem Gesetz, nach dem es angetreten,- keine Stunde dieses seltsamen Schicksals ist leer und sinnlos, auch die Zerstreuung und das Leben unter fremden Völkern muß tiefen, noch verborgenen Sinn umschließen, den vielleicht Worte seiner Propheten ahnen lassen. Das alles überragende Problem der Auserwähltheit, der uralten Brith, wird wohl in den Mittelpunkt dieser Betrachtung rücken — es wiederholt nur gehoben und unter Gesichtspunkten ewigen Geschehens die Beer-Hofmannsche Frage nach dem Wesen von Zufall und Notwendigkeit. Wenn jemand unter den Gestaltenden dieser Gegenwart berufen ist, das weltbedeutende Geschehen des jüdischen Volkserlebnisses zu entrollen und uns unter Schauern seinen geheimnisvollen Sinn ahnen zu lassen, so ist es dieser Dichter. Wir haben den Weg verfolgt, den Beer^Hofmann gehen mußte: ein Weg zur Höhe, hartnäckig und eifervoll festgehalten, keinem äußeren Drängen unterworfen, nur den inneren Stimmen hingegeben,- es war kein Marsch auf der Straße. In welcher Welt leben wir, da so wenige fühlen, daß hier ein einziger durch diese wirre Zeit geht, ruhig einen unbekannten doch geahnten Ziel entgegen,- wie seine Gestalten unbeirrt einen Weg, nicht ihrer Wahl überlassen, sondern einen, der ihm geheimnisvoll bestimmt ist? In welcher Welt leben wir, die nicht erkannt hat, daß diese Werke geschaffen wurden von einer Hand, die gesegnet und gebenedeit ist unter allen Händen, die in unseren Tagen am Werke sind? Theodor Reik. 12*