Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437752--184-3776576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Richard Beer^Hofmann und das Judentum. 157 Vielleicht läßt sich nur von hier Beer-Hofmanns Stellung zum Judentum besser verstehen. Das Schaffen dieses Dichters hat eine tiefe Wurzel im Judentum. Das Los des jüdischen Volkes hat endgültige Gestaltung in der Kunst unserer Tage noch nicht gefunden. Ein Anfang, episodisch und vorläufig, liegt vor: im roten Itzig, des »Grafen von Charolais«. Shylock ist wohljude, aber sein Schicksal ist kein spezifisch jüdisches. Wohl hat Shakespeare mit weiser Absicht die Tragik Shylocks an das Familienleben geknüpft, an die empfindsamste, verwundbarste Stelle der jüdischen Psyche. Aber daß eine Tochter entführt wird, kann jedem Vater <nicht bloß einem jüdischen) passieren. Hier aber wird ein jüdisches Schicksal — wenn auch episodisch — gestaltet. Im roten Itzig wird nicht nur der Jude gezeigt, wie er ist, sondern auch, wie er geworden ist. BeerJHofmann läßt durch das verzerrte Lächeln, durch den trockenen, aus den Tiefen aufsteigenden Hohn eines Menschenverächters ahnen, welche Qualen dieser Abseitige gelitten hat. Er erreicht diese Wirkung nicht so sehr durch das, was er seinen Izig in der Erregung hervorsprudeln läßt,- er läßt uns vielmehr fühlen, wie die verhaltene Wut nach Ausdruck ringt, wie sie alles Wehe und Schwere, das in ihm lebt, hinausschreien möchte in einem einzigen qualvollen Schrei. Hier spricht, nein, hier gurgelt, stöhnt und höhnt und verstummt endlich, der LInzulänglichkeit aller Menschen^ spräche sich bewußt werdend, der Jahrtausende alte Groll eines Volkes. Hier steht als eine düstergewaltige Mahnung, aus dem Dunkel gespenstisch die Arme emporhaltend, Ahasver im Kleide eines Handeljuden. Doch es kommt schließlich nicht so sehr darauf an, daß dieser Dichter jüdische Probleme behandelt. Vielmehr darauf, daß das Spezifische jüdischer Geistigkeit, jüdischer Erlebnisart in seiner Behandlungsweise als Potenz stark fühlbar wird. Wir empfinden die durchgängigen Züge, die durch Beer^Hofmann bis* heriges Schaffen gehen und ihre eigenartige Verschmelzung, ihre Auflösung und Erhöhung durch ein drittes Umfassendes als jüdisch, wenn wir auch ihre persönliche Prägung und, was sie ins allgemein-menschliche emporhebt, erkennen. Erinnern wir uns jener entscheidenden Abendstunden in »Der Tod Georgs«, welche Paul aus engem Bezirke in die Weite der Welt, aus selbstquälerischen Zweifeln zur Erkenntnis, daß alles gerechte Wege ging. Den Gewinn dieser Stunde hat Paul »Gerechtigkeit« genannt, aber schon erhebt sich auch hier der Zweifel. Woran sollte er erkennen, daß nicht auch diese Erkenntnis an ihn herangeweht war aus dem Vielen, das ihn umgab? Entscheidung bringt ihm das Bewußtsein, daß sein Blut selbst es war, das zu ihm gesprochen hatte und darauf zu horchen hatte die Stunde ihn gelehrt. Gerechtigkeit war wie eine Sonne über dem Leben derer gestanden, deren Blut in ihm floß. In ihren tiefsten Nöten hatten sie zu Gott dem Gerechten, nicht zu Gott dem Gnädigen gerufen. Das biblische Judentum kennt keine Willkür im Geschehen, das Volk unterwirft sich rüdchaltlos der Voraussicht des Herrn. Noch Spinoza, der sich von einem persönlichen Gott losgesagt hat, ist durchaus deterministisch. Dieses tiefe Abhängigkeitsgefühl von höheren Mächten- und eifi mensch* 12