Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Theodor R c i k: darf nicht eher das hohe Amt 4es Lehrers und Seelenführers von einer jugendlichen Gemeinde annehmen, deren Haus und Leben in den nationalreligiösen Formen wurzelt, als bis er den Zwiespalt in sich ausgeglichen und zum Respekt vor dem Nationalkult sich durchgerungen. Denn das ist wahr. Nicht heucheln soll er, nicht scheinen, was er nicht ist und nicht empfindet, doch zerstören was anderen heilig darf er noch weniger, soll nicht das Britirchtige, Urwüchsige antasten und entwurzeln wollen. Darum wer unfertig ist, sei ochüler, nicht Meister. Wilhelm Levy. Ridiard Beer^Hofmann und das Judentum. <Aus einem, am 28. April 1918, in der Wiener »Urania« gehaltenen Vortrag über de» Dichter.) . , . . Wir haben dem Zufall, der von manchen Kritikern dem »Grafen von Charolais« zum Vorwurf gemacht wurde, unsere Aufmerksamkeit zugewendet und ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, daß in diesem Drama über alle tatsächlichen Begebenheiten hinweg Schicksalsmächte, vom Urbeginn tätig, ihren Kampf nihren wie in den Schlachten Homers, unsichtbar die unsterblichen Götter. Die »Zufälle« häufen sich, sind so berechnet, daß die Bezeichnung ihren Sinn verliert. Was Zufall scheint, ist Gesetz, ist Bestimmung, ist, wenn auch unseren Augen verborgen, von unermeßlicher Wirkung. Zufall — so nennen wir eine Chiffernschrift, deren Schlüssel wir nicht in Händen haben,- allein es lebt in uns die Gewißheit, daß es einen solchen Schlüssel gibt,- Zufall — so nennen wir jeden unerkannten Zusammenhang so wandelt sich seine Herrschaft zur Notwendigkeit. Die Tyrannei des Willkürlichen ist einge^ bettet in ein großes Geschehen: eine letzte Gerechtigkeit steht dahinter,, deren Wesen allerdings nichts mit dem zu tun hat, was wir so nennen. Abseits von der alltäglichen Folge von Ursache und Wirkung vollzieht sich dieses Geschehen, das wortlos zu uns spricht. Wir sind ein Nichts, ein Stäubchen, irrend im Universum, eine Welle im Strom. Aber nicht dies ist der Weisheit letzter Schluß: eine Welle im* Meer, aber unerläßlich und notwendig in der großen Wellenbewegung,, auf immer verbunden mit der Quelle, aus der wir kommen, und dem großen Meer, in das wir gehen. Auf den Monolog und die verwirrenden. Dialoge mit den Menschen folgt die große Wechselrede mit Gott: nicht mehr wir stehen im Mittelpunkt, aber dennoch alles geschieht auch in uns. Ein Gesetz beherrscht alles,- nichts entzieht sich ihm. Für immer verbunden der Quelle, aus der wir kommen, und dem Meer,- in das wir gehen. Eigenartig verschränkt und doch zwingend erscheinen bei Beer^Hofmann Zufall und Notwendigkeit,- ebenso erwächst ihm aus der letzten menschlichen Einsamkeit das Bewußtsein stärksten Vorhanden«- seins, wird ihm zu einem tiefen, alles durchtränkenden Gefühl der Blut^ und" Schi&salsgememschäft mit allen, die vor uns kamen, mit allen, die unsfolgen. Mit versunkenen Genossen, deren Schatten ihm lebendig werden, und mit unseren Kindern und Kindeskindern, in denen unser Wesen, gut und böse, kreist, wenn wir längst zu Staub zerfallen sind.