Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wilhelm Levy: Gesetzestreue oder Auflehnung. 155 Gesetzestreue oder Auflehnung, H. B. wirft im Rundsdireiben des jüdischen Volksheims zu Berlin — vgl. die erste Nummer dieser Zeitschrift — nachdem sie von der Möglich^ keit gesprochen, nach dem Osten zu gehen und dort an dem Bau der jüdischen Jugend zu arbeiten, die Frage auf: Dürfen wir in der Befolgung des jüdischen Gesetzes revolutionär wirken oder ist in unserem praktischen Leben Rücksicht auf die Anschauungen unserer Volksheimjugend notwendig? Verfasser dieser Zeilen hat das Glück, gerade im Osten an verant* wortlicher Stelle im Dienste der .jüdischen Jugend- und Erziehungsarbeit zu wirken, kennt aber auch das Leben im jüdischen Volksheim aus nächster Nähe, da ein großer Teil der Volksheimjungens seine Schüler sind. Er darf sich daher aus zweifachem Grunde erlauben, die Frage zu beant^ worten oder wenigstens ein Urteil abzugeben. Oberster Grundsatz aller Erziehung und Bedingung für jeden Erzieher ist freilich Wahrhaftigkeit, Offenheit, Klarheit, Durchsichtigkeit des Cha^ rakters, Einheit und Geschlossenheit der Persönlichkeit. Aber nicht jeder revolutionäre Draufgänger ist darum schon ein Erzieher / am wenigsten genügt Offenheit, rücksichtsloser Wahrheitsdrang allein zum jüdischen Erzieher. Wer zum Judentum erziehen will, muß selber erst mit ihm eins sein und alle Zerrissenheit in sich gebannt haben. Darf nicht die in der Golusluit aufgenommene Zersetzung in die noch unberührte, reine Seele des Kindes tragen. Alle Erfahrung lehrt aber, daß der bewußte Bruch mit dem Gesetz früher oder später zur Auflösung der jüdischen Kraft, der jüdischen Sub* stanz führt. Alle Richtungen und Strebungen zur Überwindung des Gesetzes führten aus dem Judentum hinaus oder blieben im günstigsten Fall verschrumpke Sekten. In Erez Israel mags einmal anders sein. Im Golus nicht. Das nationale Gesetz erwies sich als die unsichtbare Mauer, hinter der die jüdische Nationalseele Schutz fand und noch findet. Es mag eine Umformung geben, eine Verinnerlichung der Lebensformen, eine Beseelung des Gesetzesleibes, doch das darf nicht revolutionär geschehen, wenn nicht der ganze Bau in seinen Grundfesten erschüttert werden soll, das kann schrittweise, auf dem Wege der Evolution, ohne hastige Überstürzung geschehen. . . Und gar erst im Angesicht der Ostjugend, der naiv gläubigen Kind* heit. Was bliebe vom Judentum übrig in ihrem weichen, bildsamen, mit den Goldkörnern rabbinischer Weisheit angefüllten Herzen, wenn sie Meister und Führer vor sich sähe, die mit dem, woran ihre Seele hängt, offenkundig brechen? Nichts als ein Riß, ein tiefer, schneidender Riß, zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Müttern und Töchtern, viel tiefer, als bei denen, die nie am Gesetz gehangen, und erst in reiferen Jahren anfangen wollen, in ihm zu leben. Was folgt daraus? Wer mit dem Gesetz innerlich so weit zerfallen ist, daß er dessen Be^ achtung als Opfer der Überzeugung anstatt als nationale Pflichrempfmdet,