Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437752--180-3776572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NationalistenspiegeL 15» Hochmut bei anderen nie als gesund, sondern immer nur als widertlich empfunden. Über das »gesund« will ich hier nicht weiter streiten. Die. Gesundheiten von gestern sind Krankheiten von morgen und die Gesundheiten von morgen sind Krankheiten von heute. Kein Psychiater würde anstehen, einen nach Wien anstatt nach Zentralafrika zuständigem Menschentresser als radikal krank zu bezeichnen, während er »nationalen Hochmut« wohl vorläufig noch nicht 'als Krankheitssymptom -ansehen wird. Aber wir wollen abwarten/ die Wissenschaft hinkt immer dem Leben nach. Wie es nun aber kam, daß ich mit solchen Ansichten doch natio^ nalen Hochmut aufwies <denn an der Richtigkeit jener Konstatierung kann ich nicht zweifeln), ist nur so zu erklären; Das, was man nämlich mit ungetrübtem, sicherem Instinkt bei anderen als pöbelhaft erkennt, erscheint zuhause leicht als eigenem Genius angemessen, und jenen Tölpel^ der alles Menschentum mit seiner nationalen Elle mißt, halten wir für einen Bewahrer unseres Selbst, macht er sich in der Wohnung unseres- Geistes breit. Ich wünschte daher, es unterzöge sich jemand der gewiß widrigen, aber sicherlich äußerst nützlichen Arbeit einer fleißigen Lektüre der nationalistisch-exzedierenden Schriften, Zeitungen, Broschüren etc. der fremden Völker, insbesondere aber des deutschen Volkes <da wir von diesem derzeit kulturell am stärksten beeinflußt werden), und der Anfertigung von Auszügen besonders zuwiderer Stellen, die dann einen Nationalistenspiegel bilden würden, der uns hülfe, uns selbst zu erkennen. Vergessen wir nicht, daß das Volkstum uns nichts anderes sein kann,, als das Sprungbrett, von dem aus wir uns in die Unendlichkeit desganzen Lebens stürzen — und allerdings auch der feste Punkt, zu dem wir uns zurückretten, wenn wir Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren. Hat man sich aber in sein Volkstum eingekapselt, so verliert man das unmittelbare Verhältnis zu den Dingen: Alles wird irgendwie zum nationalen Symbol <die komische Seite dieser Erscheinung tritt manchmal im deutsch^tschechischen Streit zutage, wo Bezirksgerichte aufhören Bezirksgerichte zu sein und ähnliche symbolische Bedeutung gewinnen* wie Studentenbummel) und die ganze Welt verschwindet hinter zwei oder drei Nationalfarben. Die nationale Phrase setzt sich an die Stelle der Vernunft und der Billigkeit: der »sacro egoismo« ruft sein »right or wrong, my country«, worauf ihm ein »Gott strafe England« entgegen** schallt, das sich nicht auf die Ausdrucksmöglichkeiten von Damenbroschen und Briefbeschwerer beschränkt, sondern alsbald daran geht, in der Sprache der Kanonen zu sprechen. Kaum ist der erste Schuß gefallen, entschwindet alles Denken. »Deutsch^ land ist das vollendetste Gebilde, das die Geschichte kennt«, sagt dann Lasson, »die Seele Europas« ruft Gerhard Hauptmann aus. »Deutschland ist humaner, hat mehr Zucht, Sitte, Geist, Gemüt und Phantasie«, schreibt Dehmel seinen Kindern ins »Berliner Tageblatt« <und nennt dagegen den Engländer »ein reißend Tier«) und 3016 Hochschullehrer erklären, daß* »für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege Deutschlands;