Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 134 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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134 Siegfried Lehmann: Deutschland, die »Führerschaft« des Volkes, gar nicht die Mühe, in die Dinge einzudringen, die der Masse des Volkes als teuer und wertvoll galten, und heute noch gelten. Es kam ihr nie in den Sinn, daß wir niemals die Herzen des Volkes und sein Vertrauen, — die Voraussetzung jeder Hilfe am Volke — gewinnen werden, solange wir als Außenstehende mit fremden Idealen zu ihnen kommen, statt als Juden, die sich im Innersten mit den Idealen, die dem Volke heilig sind, verbunden haben. Den Rat, den Dostojewski in einem Briefe einer Schar im Volke arbeitender Studenten gab, als sie sich über die Undankbarkeit und rohe Verständnislosigkeit des Volkes ihnen gegenüber beklagten, wollen auch wir westjüdische Menschen beherzigen. Wir wollen den westjüdischen Bürgerdünkel für immer abtun, wollen nicht mehr mit der Gebärde des schenkenden Befreiers, sondern, wenn auch in unserem Rahmen schon helfend, bittend und mahnend zu unserem Volke gehen, wie ein Kind zu seiner Mutter. Von der westjüdischen Jugend. Wie könnten wir auch, gleichgültig, ob auf neuer oder auf alter Erde, ein Volk gestalten helfen, wenn wir nicht sein Wesen, seine geistigen Wurzeln kennen, und in uns aufgenommen haben? Andernfalls könnten wir wohl einen durch die jüdische Sprache etwas verfärbten Abklatsch einer europäischen Nation schaffen, eine schöpferische jüdische Volks* gemeinschaft wird auf diesem Wege nicht entstehen. Allein der Grund* gedanke einer Gemeinschaft, die Gerechtigkeit in ihr, wird vom jüdischen Volke in so grundsätzlich anderer Weise gedeutet, als in den heutigen, europäischen Nationen, daß ein europäisches System des Sozialismus, wie der Marxismus, ein dem jüdischen Volke aufgezwungenes, von außen hineingetragenes sein wird, niemals aber eine Schöpfung des Volksgeistes, und seiner Gemeinschaft bildenden Kräfte. Wie die russische Jugend, um den Gedanken einer gerechten Gesell* Schaftsordnung ins Volk zu tragen, an die tief im Volke eingewurzelte, durch das Alter geheiligte Einrichtung des russischen »Mir« <Gemeinde* besitz von Herd und Boden) anknüpfte, wie sie, in der Hand das russische Evangelium, zu den Bauern von der kommenden Umwälzung sprach, wollen auch wir die künftige Volksgemeinschaft nicht aus wesens* fremden Bestandteilen einer fremden Welt aufrichten, sondern sie sich organisch dem Eigengeist unseres Volkes gemäß entwickeln lassen. In dem Gemeinschaftsleben der Ostjuden mit seinen schönen Institutionen der freiwilligen gegenseitigen Hilfe, in der Auswahl und der Stellung des Führers, des Rabbiners, finden wir herrliche, dem jüdischen Geist und ' jüdischen Wesen entspringende Einrichtungen, auf deren Grundlagen wir weiterzubauen haben werden. Für die jüdische Jugend kann in Befolgung der jüdisdien Lehre der Sozialismüs nicht in erster Linie eine wirtschaftliche Angelegenheit und eine Folge der Macht sein, sondern eine Sache des Ethos, des gerechten,