Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 133 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Notwendigkeit der neuen Gemeinsdiaft. 133 mit den toten Errungenschaften europäischer Kultur, mit sauberer Wäsche, im Besitz der Technik, der Wissenschaft, des Theaters usw. W i r waren die Aufgeklärten, die kulturell sidi zu schwindelnder Höhe Entwickelnden, während die Masse unseres Volkes in ihren unreinen Wohnungen ein jeder Kultur bares, dumpfes Leben fristete, * Niemals werde ich den Augenblick vergessen, der uns diese völlig verständnislose Überheblichkeit dem Volk gegenüber in erschreckender Weise enthüllte, den Augenblick, wo junge, national gesinnte Juden aus Deutschland vor einem der heiligsten Orte unseres Volkes in Reih und Glied standen, während ihr Führer im Hinblick auf die gekrümmten, schmutzigen Gestalten der Betenden, von den Aufgaben der deutschjüdischen Jugend sprach, ein Geschlecht der Ordnung und der körperlichen Strammheit zu schaffen, ein neues Geschlecht, das in nichts mehr an jenes erinnern sollte. Wir waren von der uns umgebenden europäischen Kultur so geblendet, daß wir den auf ganz andere Werte gerichteten Eigengeist der Masse unseres Volkes nicht mehr verstanden. Noch mehr; so fremd war uns das Volk, daß wir uns seiner schämten. Wie sehnten wir uns nach einer jüdischen Kultur, die der europäischen gleichwertig war, nach einer Kultur, wo im Gegensatz zum ostjüdischen Geiste innere Freiheit und Un^ gebundenheit des Geistes, höchste Mannigfaltigkeit aller Werte, die tech^ nischen Errungenschaften und im Leben der Gemeinschaft strengste Ord~ nung und Disziplin herrschte. Und wie Neger, die das erste Mal mit europäischer Zivilisation in Berührung kommen, hatten wir für sie nichts als restlose Bewunderung. Wir sahen nicht, daß dies, was der aufgeklärte Europäer heute unge* bundene Freiheit des Geistes nennt, nichts weiter ist als der Freibrief, ohne Rücksicht auf Recht und Gewissen ein der Gewinnsucht und dem Selbstgenuß geweihtes Leben führen zu können, wir sahen nicht, daß Ordnung und Disziplin in der Gemeinschaft erkauft ist durch die Aus- Schaltung der Seele, und durch die wachsende Mechanisierung des Lebens. Wie sollte in einer Gemeinschaft, wo alles Menschliche durch Mechanik, tote Organisation und Polizeimaschinerie geregelt wird, nicht jeder Vor* gang <wie bei der Maschinenarbeit) in Ordnung geschehen und pünktlich klappen? Mit diesem Maßstab traten wir an das äußere Leben der Ostjuden heran, sahen seine Mängel und verurteilten. Wir sahen nicht, daß hinter diesem Außenleben unser Volk sich mitten im zweckbesessenen Europa auch im Alltag ein Reich gewahrt hatte, in dem nicht Zweckbesessenheit, nicht Streben nach Nutzen oder Genuß herrschte, sondern die Heiligkeit eines einem höheren Ziel geweihten Lebens. Wir sahen nicht, daß in Europa einzig und allein unser Volk sich die Herrschaft der Seele im Zusammenleben der Menschen erhalten hatte, dort, wo heute bei uns mechanische Organisation und Polizeigewalt das Seelische zwischen Menschen ersetzt hat. Alle diese Werte dürften im Eintausch gegen Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit verschwinden. Vollgepfropft mit Vorurteilen und bürgerlicher Ehrfiirchtslosigkeit dem Volke gegenüber, gab sich die jüdische Jugend in