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Jerubbaal · 1918-07-01 · 4 (7.1918) · p. Seite 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
4 (7.1918)
Date
1918-07-01
Page
Seite 132 (sequence 10)
Language
German
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132 Siegfried Lehmann: erfahren, welcher Art ihre Ideale von einem besseren sozialen Leben wären. Es waren Studentinnen, die als Arbeiterinnen in die Baumwollfabriken eintraten, wo sie sich einer täglichen Arbeitszeit von 14 bis 16 Stunden unterwarfen, und in den Geschäftsbaracken das jämmerliche Leben eines russischen Fabrikmädchens fährten: um in der halben Stunde von Feier* abend bis zum Schlafengehen den Arbeiterinnen und Arbeitern nahe zu sein, um die müden, durch den Alltag abgestumpften Seelen zu erwecken und ihnen von der neuen nicht mehr fernen Gesellschaftsordnung zu sprechen. Es waren Studentinnen, die in Petersburg Freundschaft mit den Fabrikarbeiterinnen schlössen, ihnen Unterricht gaben, oder sie gegen die Ausbeutung durch die habgierigen Arbeitsgeber in Schutz nahmen. Es waren dänische Studenten, die sich in der Zeit der nationalen Be* wegung in dänischen Dörfern ansiedelten, um die Nationalsprache, die Lieder und Sagen des Volkes wieder zu neuem Leben zu erwecken. Es waren finnische Studenten, die dem finnischen Bauern in seiner Not beistanden, die die Genossenschaftsbewegung unter den Bauern organi* sierten. Es waren englische Studenten, die sich in den Armengegenden Londons ansiedelten um an der Befreiung, der Volksgenossen von Armut und Lasten zu helfen. Sie gaben damit den Anstoß zur Settlementsbewegungr die seitdem vielen Tausenden von arbeitenden Männern und Frauen und deren Kindern, in England und Amerika, Gelegenheit zu einem menschen* würdigen Dasein bot. Was aber haben wir westjüdischen Juden getan, die wir uns in sträf* lichem Dünkel als Führer des Volkes gebärdeten? So wenig Taten, die nicht von Eigenfreude, Betriebsamkeit oder Betätigung, sondern von Opfer und Hingabe zeugten, daß uns im Rausch der Lieder und Worte das Wort im Halse stecken bleiben müßte! Und Frauen, jüdische Frauen und Mädchen, die geschaffen sind, um Sonne in die Stuben der Armen zu bringen, Frauen, auf die Millionen Kinder unseres Volkes im Verlangen nach einem lichteren Dasein warten, tun sich nach Art der Studenten zu Diskussionen, Kursen, Vorträgen ihres Judentums zusammen, und töten so durch leblose Worte langsam ihre warme Frauenseele. Der Sozialismus und die Jugend. Man wird einwenden, daß es für die Jugend anderer Völker leichter sei, im Volke zu wirken, als für die westjüdische Jugend, die von der Masse des Volkes räumlich und im Geiste durch einen tiefen Abgrund getrennt sei. Gewiß, aber wie wenig haben wir getan, um diesen Ab* grund zu überbrücken? Hätten wir wahrhafte Liebe zu unserem Volke empfunden, hätten wir mehr Mittel und Wege gefunden, uns dem Volke wieder zu nähern. Aber unsere Liebe war eben keine Volksliebe, sondern eine Klassenliebe. Wir, eine kleine Klasse entjudeter Bourgois, waren so voll von Dünkelhaftigkeit, daß wir den von uns dargestellten jüdischen Typus als den allein?zukunftsberechtigten ansahen. Wir waren die Juden

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