Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 131 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Notwendigkeit der neuen Gemeinschaft. 131 Studenten und Studentinnen, die im Rußland der sechziger Jahre eine Bewegung ins Leben riefen, die später zu einer gewaltigen Bewegung anwuchs, der Bewegung »zum Volke«. In seinen Memoiren schreibt Fürst Krapotkin über diese russische Jugend: »Das war keine organisierte Bewegung, sondern eine Massenbewegung, wie sie zu gewissen Zeiten, wenn das menschliche Gewissen plötzlich erwacht, vorkommen.« Mit Erstaunen erfuhr das ganze Ausland von der Anklageschrift gegen Karakosow und seine Freunde, daß diese jungen Männer, die über ein beträchtliches Vermögen verfügten, zu dreien oder vieren in einem Zimmer wohnten, mit zehn Rubeln monatlich ihren ganzen Unterhalt bestritten und dabei ihr Vermögen für korporative Genossenschaften, korporative Werkstätten, in denen sie selbst mitarbeiteten, und dergleichen ausgaben. Fünf Jahre später taten Tausende und Abertausende, und zwar die Außerlesensten der russischen Jugend das Gleiche. Ihre Losung war: »Wnarod«! <zum Volke,- seid Volk!) Während der Jahre 1860—1865 fand fast in, jeder reichen Familie ein erbitterter Kampf statt zwischen den Vätern die die alte Tradition aufrecht erhalten wollten, und den Söhnen und Töchtern, die für das Recht stritten, ihr Leben nach ihren eigenen Idealen einrichten zu dürfen. Vom Dienst im Heer, von den Ladentischen, von den Werkstätten strömten die jungen Männer nach den Universitätsstädten. Mädchen aus den vornehmsten Häusern eilten ohne einen Pfennig nach Petersburg, Moskau und Kiew, voll eifrigen Verlangens, etwas zu lernen, das sie vom häuslichen Joche und vielleicht auch von dem drohenden Ehejoche freimachen könnte. Nach hartem und erbittertem Kampfe errangen auch viele diese persönliche Frei^ heit. Nun wollten sie sie aber nützlich anwenden, nicht zu eigenem persönlichen Gewinn, sondern um dem Volke das Wissen, das sie selbst frei gemacht hatte, zu übermitteln. In jeder russischen Stadt, in jedem Viertel Petersburgs bildeten sich kleine Gruppen zum Zweck der Selbstbildung und des Selbstunterrichts. Man las in diesen Kreisen mit großer Aufmerksamkeit philosophische und volkswirtschaftliche Werke, wie die Forschungsergebnisse der jung^russischen Schule und an das Lesen schlössen sich endlose Besprechungen, deren Ziel die Lösung der großen ihnen immer vor Augen stehenden Frage war: »Wie können wir uns der großen Masse nützlich erweisen?« Allmählich kamen sie zu der Überzeugung, das einzige Mittel wäre, sich unter dem Volk niederzulassen und am Leben des Volkes unmittelbar teilzunehmen. Nun gingen junge Männer, als Ärzte, Heilgehilfen, Lehrer, Dorfschreiber, selbst als landwirtschaftliche Arbeiter, Schmiede, Holzfäller usw. auf die Dörfer, um dort in inniger Berührung mit den Bauern zu leben. Die Mädchen bestanden die Lehrerinnenprüfung, bildeten sich als Hebammen oder Pflegerinnen aus und gingen zu Hun^ derten in die Dörfer, um sich gänzlich dem Dienste der Ärmsten zu weihen. — Dabei schwebten ihnen damals noch keine Ideale sozialer Umwälzung oder irgend welche Gedanken an Revolutionen vor. Einzig und allein war es ihr Ziel, die Massen der Bauern lesen zu lehren, sie zu unterrichten, ihnen ärztlichen Beistand zu gewähren oder sonst bei ihrer Erhebung aus Nacht und Elend mitzuhelfen, und zugleich von ihnen zu