Mannheim
Compact Memory

Jerubbaal · 1918-07-01 · 4 (7.1918) · p. Seite 129

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
4 (7.1918)
Date
1918-07-01
Page
Seite 129 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3776398-6437699-6437752--156-3776548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abschied. 129 Chimäre ist), und so erzeugt die Verkehrung der obersten Ideen in un^ heimlicher Folge die aller andern. Denn Entwicklung ist keine historische Kategorie, denen allein die Jugend untersteht, und die einzige Kontinuität, die in ihr Sinn gewinnt, ist die metaphysische Kontinuität der Entscheidung. Wohin entwickelt sich denn eigentlich die Jugend? Die Antwort ist so fürchterlich, wie die Frage es verdient,- wir Alle wissen es ja: von Berlin nach Prag. Zion kommt hier nur metaphorisch vor und ist noch im besten Falle ein Limes. Die Ordnungen aber, in denen historisches Dasein, wie das der Jugend, sich vollzieht, sind andere. Einer Jugend, die nicht in ihrer Einsamkeit den Punkt erreicht hat, in dem sie den Anschluß an die höchste Ordnung jüdischer Historie findet und so die Geschichte umfaßt, ist die Einsicht verschlossen, daß die wahre Kontinuität des Volks* tums allein in der Einsamkeit sich erzeugt, daß die Abwendung vom Geschwätz nicht Zerstörung ist, sondern Hinwendung zu unserer Auf* gäbe: dem Volkstum, dessen Fruchtbarkeit und Größe sich in mir selbst entfalten muß, bevor ich den Anspruch erheben darf, Lehrer zu sein. Die Erziehung, in Unterricht und Überlieferung unmittelbar religiöse Ord* nungen entfaltend, erfordert Berufung, die nicht erschrieen werden kann. Daß die Organisationen der Wanderer und Studenten, die in der Jugend* bewegung das größte Geschrei erheben, diesen Anspruch verkünden: zu erziehen, in welchen Verklausulierungen es auch immer geschehen möge, macht das Zeugnis gegen sie zum Gericht. So sehr ist diese Jugend ohne Sicht auf die Geschichte, die sich nicht innerhalb des Chimärischen vollzieht, daß der Tod Hermann Cohens sie nicht zur Klage fähig gefunden, gieich wie sein Dasein ihre Ehrfurcht nicht erweckt hat. Die Koinzidenz von Jugend und Alter in der Lehre, im Judentum der metaphysische Ort seiner Bewegung, ist, wo sie sich in großen Menschen darstellt, der strahlende Ursprung unserer Ehrfurcht. Am Grabe Hermann Cohens klagte das Judentum, die jüdische Jugendbewegung aber wußte nur, daß er ein »Feind« war. Wenn so alles an der Jugendbewegung die Verzweiflung erweckt, ohne daß innerhalb ihres Bezirkes auch nur die mindeste Hoffnung auf Umkehr ist, gilt es einen anderen Weg zu gehen. Der alte Weg führt nicht nach Zion, sondern verliert sich in den unzähligen Verzweigungen des Geschwätzes. Es kann kein Zweifel sein, wo dieser andere Weg führt, der kein neuer ist und zu sein braucht, aber ein unbegangener. Er wird nicht zum Gegenstande des Geschwätzes gemacht werden, und wenn er Verbindung mit dieser Jugend hat, so muß die Trennung sie erweisen. Schweigen, Arbeit und Erkenntnis, Reinheit, Strenge und Verzicht, und welches die Ordnungen sein mpgen, die sich im Dasein des Zionisten entfalten sollen, sie alle vollenden sich in einem: Verantwortung. Verantwortung ist die Beziehung des Lebens auf den Tod. Uns vor unserer Aufgabe verantworten zu können, muß unser Streben sein. Sterben wir im Angesicht der Geschichte, so wird unser Tod ein jüdischer, denn er wird die Lehre sein, die wir überliefern. Ein Leben aber, das auf diese Grundlagen bezogen wird, darf mit Recht jugendlich genannt werden. Zion ist der Gegenstand dieses Lebens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.