Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 126 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Gerhard S c h o I e m : gegen die hier gezeugt werden soll. Gemeinschaft verlangt Einsamkeit: nicht die Möglichkeit, zusammen das Gleiche zu wollen, sondern allein die gemeinsamer Einsamkeit begründet die Gemeinschaft. Zion, die Quelle unseres Volkstums, ist die gemeinsame, ja in einem ungeheueren Sinne identische Einsamkeit aller Juden, und die religiöse Behauptung des Zionismus keine andere als: die Mitte der Einsamkeit sei eben zugleich das, worin Alle zusammentreffen, und einen anderen Ort für ein solches Zusammentreffen könne es nicht geben. Solange dies Zentrum nicht mit strahlender Helligkeit restituiert ist, muß die Ordnung unserer Seele, zu der sich zu bekennen die Ehrlichkeit gebietet, eine anarchische sein. Im Galuth kann es keine vor Gott gültige jüdische Gemeinschaft geben. Und wenn Gemeinschaft zwischen Menschen in der Tat das Höchste ist, was gefordert werden kann, welchen Sinn hätte der Zionismus, wenn er im Galuth verwirklicht werden könnte. Soll daher der Forderung des Zionismus entsprochen werden, so kann dies nicht in Gemeinschaft geschehen. Und dies ist die petitio prineipii, die den Fluch des Zionismus bedeutet: die auf einen behaupteten willen sich beziehende pseudozionistische Gemeinschaftslüge. Sie ist der eigentliche Inhalt der Jugend* bewegung, dessen innerer Widersinn sich aufs konkreteste in der absoluten Formlosigkeit anzeigt, die seine notwendige Folge ist. Diese Vorweg* nähme der Gemeinschaft hat ihren Ursprung in dem metaphysischen Grauen, das man vor den strengen Ordnungen des Zionismus hat, dessen Forderung man nicht mehr auf die alte Weise zu negieren den Mut findet. Man ahnt, daß er, in seiner Reinheit entfaltet, das furchtbare Gericht über die Unordnung ist, der diese Jugend sich verschrieben hat, die Einsamkeit im Grunde gar nicht kennt, und wenn sie sie kennt, nicht ertragen kann.*) Hiermit hängt ein anderes zusammen: wie die Jugend nicht einsam sein kann, so kann sie auch nicht schweigen. Das Schweigen, in dem sich Wort und Tat vereinigen, ist ihr fremd, denn reines Wort und reine Tat selber, hat sie nie geschaut. Menschen aber, die nicht schweigen können, können im letzten Grunde auch nicht miteinander reden. Sie ver> stehen sich nicht, denn ihre Spradie hat weder Grenze noch Grundlage, sie ist chimärisch. So entsteht jene furchtbare Pervertierung, die die Sphäre der jüdischen Jugend, die Bewegung sein will, ist: das Geschwätz. In ihm vermischen sich in unterschiedsloser Weise alle Dinge und verkehren sich: Zion zum Zukunftsstaat, das Judentum zum Geist <oder wie die hundert Namen lauten mögen), die Sicht zum Erlebnis, und so könnte man das endlose, und doch immer auf dem Nullpunkt sich erhaltende Lexikon der Terminologie des Geschwätzes aufstellen. Die furchtbarste dieser Ver* kehrungen kündigt sich in unseren Tagen an: es ist die der Arbeit. Der legitime Begriff von Arbeit ist namenlos. Das Geschwätz vermag die *> Die Dokumente dieser Unordnung folgen sich zumindest seit dem Budi »Vom Judentum«, das eine wahre Ehrenpforte der Verwirrung geworden ist, in unabsehbarer Folge und geometrischer Progression ihrer Nichtigkeit, und es wäre kein Wort über sie zu verlieren, wenn nicht die verheerenden Wirkungen, die beispielsweise manches in der Blau~ Weiß-Literatur oft auf Kinder ausübt, Trauer und Klage erweckten.