Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 4 (7.1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Abschied. Offener Brief an Herrn Dr. Siegfried Bernfeld und gegen die Leser dieser Zeitschrift. Sehr geehrter Herr Dr. Bernfeld! Vor mir liegen die beiden ersten Hefte der Zeltschrift »Jeruhbaal«, an der zur Mitarbeit midi aufzufordern Sie die Freundlichkeit hatten. Nach dem Bilde, das dem Sehenden die jüdische Jugendbewegung bietet, einem Bilde, dessen unheimliche Farben die steigende Geschäftigkeit, die seit einiger Zeit an ihm entwickelt wird, nicht vertuschen konnte, vielmehr nur stärker hat hervortreten lassen — nach diesem Bilde konnte ich mich keinen Illusionen darüber hingeben, wie eine Zeitschrift beschaffen sein würde, die aus dieser Jugend heraus zu dieser Jugend, und nicht einmal gegen sie spricht. Denn in der Tat: das, wogegen hier die Leidenschaft aufgeboten wird, verlohnt der Mühe nicht, der einzig bedeutsame und angemessene Gegenstand der Bekämpfung aber, diese schreibende Jugend selber, verherrlicht seine Unbedingtheit sich in Lobgesängen.*) Das Bild, das zu erwarten war, hat sich aufs Furchtbarste entrollt und alle Hoff* nungen vernichtet. Es ist nicht mehr die harmlose Dummheit, die <so vergnüglich zu bekämpfende) ideenlose Philistrosität, die sich selbst bekennt, und deren Ehrlichkeit jeden Schaden ausschließt, nein, diese Jugend hat mit all den anderen Bewegungen unserer Zeit Schritt gehalten: Sie hat Ideen. Sie kann nicht widerlegt werden, denn es gibt nichts Großes, das sie nicht vorträgt, keinen Einwand und keine Forderung, auf die sie nicht erwidern kann: das sagen, das wollen wir ja audi. Wie sollte Zion in ihr vermißt werden, da sie es als den Maßstab ihres Lebens verkündet. Diese )ugend' ist moralisch gesehen eine Kugel: man muß sich in ihr Zentrum stellen, um ihre Verlogenheit zu erkennen, denn von außen ist sie unangreifbar und jeder andere Ort in ihr verschiebt die Perspektive. Gegen sie gilt nicht mehr Hieb und Stich, sondern allein das eine: sie zu durchschauen. Sie kann nicht widerlegt, sie kann nur überwunden werden. Der einzige Weg dieser Überwindung, der nicht pervertiert werden kann, ist das Schweigen. Was ich hier sagen kann, ist also nicht das Positive, das vielmehr nur als der Grund meiner Verneinung sichtbar gemacht werden kann. Arbeit ist mündliche Lehre, und von ihr läßt sich nichts niederschreiben als die Methode, und allein der Methodos meines Schweigens ist es, den ich hier aussprechen will und muß, nicht um zu bekehren, was in dieser Umgebung jedem Worte, das nicht prophetische Reinheit besitzt, versagt bleiben muß, sondern um für eine Jugend zu zeugen, die Zion und die Lehre schweigend empfängt, entfaltet und tradiert, eine Jugend, die nach diesem einen notwendigen Worte der Trennung im »Jerubbaal« auf die einzige ihrer würdige Weise sichtbar werden wird: im Schweigen. Die große Forderung des Zionismus, die ewig die eine ist: ein heiliges Volk zu sein, hat eine Voraussetzung, deren Verkennung die tiefste, im eigentlichen Sinne chimärische Grundlage jener objektiven Verlogenheit ist, *> Aufsätze wie die von Schwadron, Rappeport oder Freistadt sprechen ja mehr <sc. noch weniger) aus als die Meinung Einzelner, in ihnen redet — grausames Wort — der zionistische Zeitgeist. 10