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Jerubbaal · 1918-06-01 · 3 (6.1918) · p. Seite 120

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
3 (6.1918)
Date
1918-06-01
Page
Seite 120 (sequence 38)
Language
German
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120 Vom Leben der Jugend: Der österreichisch«jüdische Judentag in Wien. Tage empört. Man fand es unerhört. Ja, was denn? Das Ganze. Den ganzen Jugehdtag. Die herrschende Richtung. Der Lärm; die Reklame,- die Anmaßung; kurz das Ganze. Daß die Jugend ohne zu frageV ohne einzuladen, ohne Ehren* redner . . . Mit einem Wort, daß sie uns Alten so ganz bei Seite schiebt . . . Und dann, vor allem: das war kein Jugend* tag, das war ein Bubertag . . , Unver* standene, unverständliche Worte . . . Gefahr . . . Jugendverderber . . . Per* sonenkultus . . . Höchst bedenklich . . . kurz, es haben sich sehr viele ge* ärgert, empört. Es muß etwas gewesen sein. Und Montag, da erlebten wir alle es deutlich; auch die skeptischen, die theoretischen Gegner, die Jüngeren und und die Älteren. Da draußen im Wiener* wald auf der Heide — da war etwas. So etwas wie ein starkes Gefühl von Freude. Ein Gefühl der Überraschung: also alle, die da mit uns auf den Wiesen singen und spielen, auf und abgehen, lagern, plaudern, all die gehören zu uns, zu mir, wir sind Eins, man sieht es: Jugend, jüdisch. Wir alle wollen Eins: eine schöne Gegenwart; lebendiger, reicher, inniger, jugendlicher als bisher,- eine ernstere Zukunft. Und unser aller Leben gibt nur Eins den tragenden Sinn: daß wir leben, wachsen, schöner, freier, edler — jüdischer werden um unseres Volkes willen. Dies Gefühl, eine Minute erlebt, ist etwas,- ist sehr viel. Und es war auf unserem Jugendtag. Die Mißstimmung der Alten, das Adiduth*Gefühl der Jungen — und wenn beides noch so vorübergehend und bloß angedeutet dagewesen sein mag — ist Symptom eines Vorganges in der jüdisdien Jugend, dessen man sich herz* lieh freuen muß: die jüdische Jugend* Organisation war einige Stunden lang wieder Bewegung gewesen. Und diesmal" Bewegung, die nicht ausgelöst war von politischen, sozialen Unterdrückungen, Auflehnungen, Hoffnungen — sondern die ausgelöst war durch innere Ursachen. Scheinbar grundlos,- ohne Anlaß, ohne sichtbares Ziel, daher in der Diskussion zerflatternd, unklar, widersprechend. Aber es ging um große Dinge: um die Bil* dungs* und Erziehungsfrage. Und erst wenn das die Frage der Jugend ge* worden, wenn sie nach ihren Bildungs* zielen und ihren Erziehungsmethoden sich in Lager trennt, wenn sie diese Fragen im innersten erschüttern, wenn sie um deren Lösung sich innerlich be* müht, erst dann wird das Wort von der Erneuerung des Judentums mehr als ein Wort, Anfang von Wirklichkeit. Denn nur aus diesem Streit, nur aus Bewegung, die um diese Fragen kreist, kann aus der Jugend der neue Typus Judenmensch geboren werden, dessen Kommen die Erneuerung des Juden* tums in einem wichtigeren Sinn als dem politischen bedeutet. Am Jugendtag wurde der Zentral* verband der jüdischen Jugendgruppen Österreichs gegründet. Dies kann ein wichtiges Ereignis für die jüdische Jugend werden. Heute ist es nur eine Mög* lichkeit, freilich eine schöne. Der Zentral* verband gibt der Jugend den äußeren Aus* druck ihrer gefühlten Einheit/ erschließt sie zusammen zur Arbeit, so weit sie ihr als Ganzes gemeinsam, schon heute ge* meinsam ist. Aber diese Vereinigung hat nur dann Sinn und Wert, wenn sie nicht Organisation bleibt, sondern das Gefäß einer Bewegung wird. Gerade jetzt, wo das schwache Gefühl der Ge* meinsamkeit organisatorisch erfaßt ist, wo es vielleicht bald gemeinsame Werke der ganzen jüdischen Jugend Österreichs ge* schaffen haben wird, ist es Zeit und frucht* bar, sich in diesem Rahmen zu ent* zweien, zu bekämpfen, zu scheiden. Nur dieses eine muß dabei gesichert sein, daß der Kampf in der Jugend um wesent* liehe Dinge gehen wird, klarer, aus* drücklicher, als es sich auf dem Jugend* tag andeutete, und daß es kein Ge* zänke, kein Streit, kein »politisches« Ge* tue sein wird, sondern Arbeit, Über* zeugung, Entwicklung. Siegfried Bern fei d.

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