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Jerubbaal · 1918-06-01 · 3 (6.1918) · p. Seite 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
3 (6.1918)
Date
1918-06-01
Page
Seite 118 (sequence 36)
Language
German
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118 Erwan R o s o i i o: die Stadt selbst oben auf dem Berge. Was sie sein mag, Feiertags oder Wochentags, wenn der Graf Feste gibt oder Karneval ist oder Prozession, so ist sie immer die Stadt, die über dem Lande liegt und weit hinaussieht. Und darum ist sie so schön, weil sie wirklich so hoch, oben liegt und allein und so weit sehen kann. Audi: es ist natürlich jedes Wetter über ihr,- aber du weißt, wie schön sie ist, wenn sie mit den dunkelroten Türmen vor grauem Himmel steht und um den Berg der Nebel liegt: weil es so am reinsten zu ihr gehört.« »Ich mag es auch gern, wenn der kalte, hellblaue Himmel über ihr ist, wie heute,- dann steht jedes Haus so scharf für sich allein.« »Ja. —- Und nun weiß ich nicht, wie das zusammenhängt: wenn ich die Dinge so ansehe, daß sie ganz einfach werden und nur sind, was ihr Wesen ist, dann bekomme ich irgend eine Liebe zu allem, und ich habe große Freude an ihnen. Man wird selbst ganz unabhängig und losgelöst. Wenn ich einen Weg gehe, so ist er vielleicht staubig und voller nassen Schmutzes, mühselig bis zur Erbitterung: aber wenn ich daran denke, was das ist: ein Weg jenseits von mir selbst, dann mag die Straße an jedem Tage sein, wie sie will, sie ist immer wieder die große Bahn, auf der die Stadt ausströmt in das Land, und ist wie ein Zeiger in die Welt. Und in mir ist dann kein Wogen mehr, nur noch Empfänglichkeit und ich sehe allem zu: man liebt die Mutter mit ihrem Kinde und den alten Mann am Abend und ist ganz wunschlos dabei und will nur allem zuschauen. Ich weiß nidit, ob das recht zu verstehen ist?« »Ja. So mag ich dich gern, Jehuda, warum bist du nicht immer so? — Spridi weiter!« Aber er hielt inne: »Nein du,- ich kann nicht einfach weitersprechen/ denn ich weiß, was du meinst —«, und indem seine klaren Augen feuchter und seine reine Stimme klagend wurde und mühsam: »Ich glaube auch, daß in jedem Menschen eine Idee ist, ein Bild seines reinen Wesens, in dem er sich vollenden will. Und <-* du weißt, was ich von uns Beiden glaube.« Sie schüttelte den Kopf: »Es ist aber nicht so, Jehuda.« Und wiederum stand der Kampf auf, der die jungen Mensdien immer von neuem geschüttelt hatte bis zur Erschöpfung, und neigte sich seinem Ende zu. »Ich glaube, es wird sein und du wirst mir näher kommen, wenn ich mehr das geworden bin, was ich werden muß nach meinem Bilde.« »Es wird niemals sein.« Da ergriff er sie schmerzlich und drängend und da sie ihm nicht Einhalt tat, besann er sich und hielt nur noch ihre Hand, mit ihren willenlosen Fingern spielend: »Wieviel von dir ist schon mein: So wie ich deinen Leib nehmen kann, immer seit dem einen Male, so nehme ich ihn mit mir und alles Wissen um dich, auch wenn du fortgehst und dich verwahrst. So stark ist schon alles, was geschehen ist; so viel stärker ist die Wirklichkeit als der Wille.«

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