Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 117 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus: Juda Sassenberg. 117 Seiner Mutter Ahnen wohnten seit langen Zeiten in der Stadt, und es waren unter ihnen alte und tief gebildete Männer gewesen,- und sein Vater war wohl ein Vertriebener aus fremdem Lande und ein wenig ungeschickt unter den Menschen der Stadt, aber das Land war voll heimlichen Reichtums gewesen, Wohnung und Lehrhaus alter Denker des Volkes, von denen einer sein Vorfahr war. So sah es in Wahrheit aus/ und er hatte sich belogen. Mit späteren Geschlechtern hatte er sich getröstet,- ihnen wollte er ein guter Same sein, ihnen Heimat geben und alle Schätze der Seele. Damals erfüllte ihn die Liebe zu dem heiligen Lande seiner Väter, die ihm der alte Lehrer Moses Pirkoth entgegentrug. Aber es war Lüge auch dies. Er hatte alles, Heimat und Reichtum selbst ererbt. Niemals würde es anders werden. Was sollte kommen? Es geschieht nicht, daß tote Zweige beginnen zu blühen. Es ist so, daß zwischen Getreide taube Ähren stehen. Niemand weiß, warum sie hohl sind,- man wirft sie fort, zerreißt sie, wenn sie sich haltlos an reichere Halme lehnen. Sie sollen sterben. Denn nicht nur der darf sterben, dessen Leben vollendet ist, sondern auch, wer keinen Samen hat, zu reifen. So erkannte sidi Jehuda ben Gomer, war ehrlich genug, um der Geliebten solche Wahrheiten nicht zu verbergen, sie selbst zu bitten, sie solle von ihm gehen, damit er ihr nicht noch mehr Jahre stehle,- war nicht stark genug, von ihrer Süßigkeit zu lassen, sie nicht zurückzurufen, als sie nach seinen Worten ging. Und in diesem Winter des Kampfes zwischen ihr und ihm, in dieser Zeit vieler bitterer Sehnsucht nach Reichtum und Dunkelheit der Seele, nach der Geliebten selbst, erfuhr er, daß alle Sehn^ sucht so stark werden kann, daß sie sidi überschlägt und ihr unerreicht bares Ziel gewinnt. »Piaton sagt, daß jedes Ding der Welt nach seiner Idee hinstrebe, in der es sich vollenden will.« »Das verstehe ich nodi nicht.« »Sieh einmal einen Baum an, Rahel, so ist er mühsam gewunden und in der einen Richtung gewuchert, anderswo verkümmert oder er hat einen Zweig verloren,- aber wenn man das denkt: ein Baum, so ist es doch ein Ding, das aufrecht vom Boden in die Höhe gewachsen ist und mit allen Ästen sich ausbreitet,- so einen vollendeten Baum gibt es kaum irgendwo auf der Welt. Und das kommt wohl daher: wenn man das Bild in Gedanken vor sich sieht wird es wohl von allem Zufälligen frei, von dem das einzelne Ding doch abhängt. Weißt du etwa, was ich meine?« »Sprich nur weiter!« »Und nun geht es mir so, daß ich anfange, die Dinge so rein und als Bilder zu sehen, losgelöst von den Bedingungen des Augenblidts, wie sie eben in ihrer Idee sind. Wenn da eine Frau äst mit ihrem Kinde, so mag das eine Bäuerin sein, die einkaufen will und dies und das,- aber vor allem ist es doch eine Mutter. Oder ein alter Mann geht vorüber und denkt vielleicht an das nächste Wirtshaus,- aber er ist das Alter. Und wenn es Abend wäre, so wäre es am schönsten,- er lebt ja zu allen Zeiten/ aber am Abend ist er am reinsten das Alter. Und sieh, einmal 9