Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 116 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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116 Erwin R o s l i o: Judeseins ist die Ausübung nur eines solchen Berufes, der ganz im jüdischen Milieu sich abspielt, oder der ganz direkt und bewußt dem jüdischen Volke dient und nur ihm dient. Freilich, die meisten dieser »jüdischen Berufe« sind sozial minder hochangesehen, materiell weniger aussichtsreich als die »allgemeinen«. Aber gerade darin wird sich die Kraft einer jüdischnationalen Jugend zu bewähren haben. Das jüdische Volk in seiner heutigen Lage verlangt jene Einstellung, die alle anderen Völker bekämpfen. Während jene Entscheidungsfrage bei anderen Völkern nur an einen kleinen Teil der Jugend herantritt, jenen der mit höchsten geistigen Ansprüchen die Welt anschaut, ist bei uns die ganze Jugend vor sie gestellt. Nicht nur jene, die ihrer Jugend treu bleiben wollen, haben sie zu lösen, sondern alle ,• denn alle werden doch der verhältnismäßig primitiven Forderung genügen wollen: Juden bleiben oder werden zu wollen. Siegfried Bernfeld. <Ein zweiter Beitrag folgt in einem nächsten Hefte.) Aus: Juda Sassenberg. »Eine Novelle«. Vorspiel. So erkannte sich Jehuda ben Gomer in dem Herbste, der seines Sdiidksals Vorabend war: Er war ein leerer Mensch, ein ewig verlangender. Er hatte sich gefüllt mit allem, was, seinen Händen nahe, an seinem Wege stand. Es war Denken und Dichtung, und er trank sie aus,- sie wurden seine Nahrung, da auf seinem unfruchtbaren Boden nichts wuchs, und er verzehrte sie langsam, wie sie zu ihm kamen,- und blieb hungrig zuletzt. Denn alle Wasser der Welt sind nicht genug, ein Sieb zu füllen. Er erfüllte sich bis zum Rande mit dem Mädchen, das er liebte, und allem, was ihm unter dem Namen der Liebe gezeigt war. Wenn Rahel Alhermon zu ihm von sich selbst sprach — und er wünschte es stets, — dann war er gesättigt von ihr,- allmählich verfloß es wieder in ihm. War sie fort auf lange Zeit, so nannte er sie seine Geliebte und lebte in allem, was in Büchern von diesem Worte stand. Indes verblaßte ihm ihre Gestalt. Denn in ihm selbst wuchs keine Liebe, fraß nur Verlangen nach Sättigung, wucherte Sinnlichkeit. Und hätte man ihn in eine Welt gesetzt, unfruchtbar wie er selbst, so wäre er gestorben vor Hunger. So kam nichts aus ihm: keine Berufung. Er konnte unendlich viel ver* schlingen, aber das Einzige nicht finden, was allein einer werden soll: ein vollendeter Mensch. Und dodi war es dies Einzige, nach dem sein Mädchen verlangte. Denn von dem Vollendeten geht aus, was ihr not war: Beruhigung. Er aber konnte das Klügste sagen, und es wäre nichts, denn es floß aus dem Sieb. So hatte er sie betrogen alle Zeit, vom ersten Tage an. Aber er wußte es nicht bis dahin. Warum war es so? Er wußte es nicht. Er hatte seine Abkunft ge* schmäht. Aber er stammte nicht aus jungem, bäurischen Geschlechte.