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Jerubbaal · 1918-06-01 · 3 (6.1918) · p. Seite 112

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
3 (6.1918)
Date
1918-06-01
Page
Seite 112 (sequence 30)
Language
German
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112 Siegfried B e r n f e 1 d : Anfang des Philistertums, wie man mit einem ganz falschen und mißver* ständlichem Wort eine sehr richtige und allen gleich bekannte Sache nennt. Keine Wahrscheinlichkeit sicherer: weil zwei Dinge zusammenwirken, jedes für sich kräftig genug, den gebildetsten Charakter zu zerstören. Die geheimen Wirkungen des gegenwärtigen Wirtschaftslebens auf die Seele und die Tatsache, daß Konsequenz, Treue sich selbst und der Vergangenheit, den Ideen, Stimmungen, Anschauungen, Entschlüssen der Jugend gegenüber nicht mehr Kampf mit einzelnen Menschen heißt, wie bisher, sondern mit der Welt, und daß die Folgen dieses Kampfes nicht mehr, wie bisher, Zorn oder Lächerlichkeit, Haß oder Verdruß sondern einfach Verkümmerung und beinahe Verhungern bedeuten können. So erscheint vielen die Wahl eines Berufes überhaupt als Gefahr und sie möchten am liebsten sich ihr entziehen. Anderen erscheint alles dies eher als eine natürliche Folge und Entwicklung. Es macht sie nicht bedenklich, daß sie einen Beruf ergreifen müssen, sondern welchen. Bei ihnen ist die eigentliche Wahl zum Problem geworden. All das, was so Beruf heißt, kennen sie nur vom Weiten, nur indirekt, oft ganz entstellt. Einerlei, welchen sie sich denken, Arzt, Kaufmann, Lehrer, Jurist, es ist immer dasselbe —' das sind Möglichkeiten, mehr oder weniger sicher oder unsicher Geld zu verdienen, aber keineswegs Stätten, um inneren Neigungen zu folgen, Berufungen zu erfüllen, einem Höheren zu dienen. Und von dieser Warte gesehen ist einerlei, was ergriffen wird, auf alle Fälle steht der gewählte Beruf unvergleichlich weit ab, von der gefühlten Berufung. Und gar erst Jene, die mit einem ganz engumschriebenen Interesse an das Wirtschaftsleben herantreten, mit irgend welchen wissen* schaftlichen Absichten, künstlerischen Hoffnungen, politischen Absichten, sie stehen durchaus vor der Tatsache, daß aller Wahrscheinlichkeit nach, sie ihre eigentliche Tätigkeit wird nicht ernähren können, sie stehen vor der Not* wendigkeit zwei Berufe zu ergreifen, einen zeitraubenden, der ihnen wenige Tages* und Nachtstunden Leben ermöglicht für den anderen, ihre Berufung. Und hinter alledem die Frage nach der Eignung, nach den Fähigkeiten, Kräften. —- Diese Situation der Jugend ist eine unheilvolle Wirkung des heutigen Wirtschaftslebens. Der Beruf ist gegenwärtig nichts anderes als einzige Möglichkeit sich den bloßen Unterhaltsbedarf zu erwerben. Diese Tätigkeit aber ist so ausschließlich, so den ganzen Menschen, seine ganze Zeit, "seine ganze Kraft erfassend, daß für irgend ein Anderes kaum der geringste Raum bleibt. Der materielle Erfolg solcher wirtschaftlicher Tätigkeit ist zudem so knapp, ständig so unsicher, daß auch kaum die Möglichkeit besteht sich selbst gegen die widerstrebende sittliche und geistige Lässig* keit der Welt zu behaupten. Es ist in allen Berufen das Gleiche: die proletari* sehe Arbeit, Landwirtschaft, Gewerbe, Handel, die freien Berufe, sie zwingen jedem unter Gefahr kärglichster Verkennung zu den Anschauungen, Handlungsweisen, Gesinnungen der heutigen Welt. Jede Auflehnung wird bitter bestraft, nicht von einzelnen, sondern viel furchtbarer als diese je vermöchten vom System. So wurde das Problem der Wahl des Berufes ganz allgemein erweitert in den Zwang zur Wahl zwischen ethischer

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