Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 111 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Siegfried B e r n f e I d: Berufswahl. 111 Und alles dies, weil wir in der Luft schweben, nicht erzeugt sind von der ihre Notwendigkeiten befriedigenden Volksgemeinschaft. Wozu brauchen wir Hände, Augen und Ohren, wenn kein Herz da ist? Kein Blutkreislauf? Otto Engländer. Berufswahl. Die Berufswahl ist im allgemeinen die erste fürs ganze Leben bestimmende Entscheidung, die der junge Mensch zu treffen hat Durch sie gliedert er sieb in die bürgerliche Gesellschaft ein : von ihr hängt zum größten Teil sein zukünftiges Wohlergehen oder Leiden, sein Behagen oder seine Plage, seine Befriedigung oder seine Unzufriedenheit ab. Und so ist der Akt der Wahl, nicht nur vom Gegenwärtigen und Vergangenen, sondern mehr als das übrige bisherige Denken und Handeln vom Zukünftigen bestimmt. Noch dazu von einem Zukünftigen, das im besten Fall irgendwie Wahrscheinlichkeit hat, meistens aber nicht einmal das. Dies gibt dem Wählenden das Gefühl einer Bangigkeit, einer gewissen inneren Unruhe. Er soll in einer überaus wichtigen Sache sich nach dem Künftigen richten, ohne irgend eine Möglichkeit dieses zu berechnen, zu sichern, kaum es zu ahnen. Außerdem ist die Berufswahl gewissermaßen die letzte Tat der Jugend, Ein Lebensabschnitt findet mit ihr sein Ende, der trotz aller Trübnisse und Verwirrungen, trotz aller Qualen, Leiden, Unfreiheiten und Unreinheiten so innerlich und äußerlich frei, so voller Möglichkeiten zu Reinheit und Größe nie wiederkehrt. Bisher war des Lebens Inhalt Bildung, Studium, Erziehung gewesen, alles andere erfreuliche Abwechslung oder störende Ablenkung. Es war Recht und Pflicht der Jugend Anschauungen, Gesinnungen zu entwickeln, abzulehnen und zu bejahen nur in einer Art theo^ retischen Daseins, weil sie nicht Möglichkeit hatte, irgendwie anders in die großen Realitäten verändernd einzugreifen, als durch Veränderung ihrer eigenen Seele. Es sind Ideen gewachsen von Wahrhaftigkeit und sozialer Gerechtigkeit, von Gemeinschaft und Liebe, die sich zu allermeist nur im Kreise Gleichgesinnter zu bewähren hatten, denn es gab keine Beziehungen mit anderen Kreisen. Und wo diese waren — in der Schule, im Elternhaus — war der Jugendliche nicht der Bestimmende, sondern der Regierte, Auch hier konnte er nichts tun, als selbst anders sein,- Tat genug, schwer genug zu erfüllen, aber nirgends schlechthin mit dem Opfer des Lebens bedroht. Nun aber wird all dies anders sein. Es wird Pflicht heißen und meistens die einzige Möglichkeit sein, gegen allen Realitäte, mitten in ihnen stehend, zu wirken keine großen Taten werden verlangt, sondern Tag für Tag die kleinen Pflichten. Es wird nicht gelten Ideen durchzusetzen, sondern ganz nackt und brutal sich selber. Es wird nicht darauf ankommen Gesinnungen und Anschauungen Genüge zu tun, sondern Vorgesetzten, Klienten, Kunden, Patienten. Keine Gefahr ist größer, keine Wahrscheinlichkeit sicherer, als daß dann an mir und an dir das Schichsal aller Jugend vor uns sich erfüllen wird: daß der Berufsantritt das Ende der Jugend sein wird, der