Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 110 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437748--132-3776525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
110 Otto Engländor: Künstler und Volk Das Wesen der Kunst ist Lösung. Loslösung von der Realität, vom Irdischen, Alltäglichen, durch Auflösung der Materie und Neuschöpfung durch den Künstler. — Daher eine Befreiung des Künstlers von Brotarbeit wichtige Bedingung für wirkliches Schaffen. Der Spruch: Kunst geht nach Brot, zeigt, wie eine Zeit im Stande ist, das als Trieb auszugeben, was Vergewaltig gung, Prostitution ist! Sie sagt nicht: Kunst soll nach Brot gehen, nein, es ist vollbracht, -sie geht von selbst, sie will nichts andres, sie ist für jeden da, der sie zu bezahlen im Stande ist. Wie nun aber den Künstler von der Arbeit für das Brot befreien? Durch das Volk] Wie die Blüten aus der Wiese muß der Künstler aus dem Nährboden des Volkes Nahrung, Form und Farbe ziehen. Und dadurch lebt die Blüte für die Wiese, daß sie blüht. Und der höhere Sinn der Arbeit des Künstlers ist: des Volkes Feierstunden vorzubereiten und zu gestalten und ihm das Bild der Schönheit zu schenken, das er sah. —* Nicht der wird ein jüdischer Maler sein, der am öftesten das Menorahmotiv oder den Juden mit dem Talles malerisch verwendet, sondern der wurzeln wird in allem Leben und Denken im Judenland und Judentum. Und das Volk wird ihn erhalten, freudig und mit Selbstver^ ständlichkeit. <-~ Wir haben noch kein jüdisches Land und daher keine jüdische Kunst. Gestalten von der Größe eines Michelangelo, Shakespeare oder Tolstoi zeigen, was andre Völker erzeugt haben. Unsere Künstler schaffen in engeren Grenzen. —- Nun bleibt deine Frage! Sollst du <da es ja jetzt noch unmöglich ist Künstler zu sein, wie ich oben davon sprach, da ja Palästina nicht unser ist) alles lassen, Sehnsucht nach der Kunst in der Seele, Möglichkeiten deine Hände, dein Auge auszubilden, kurz Europa samt seinen Anregungen, Bildern, Galerien, Büchern, Musik, soll alles dies nicht für dich sein und du hinübergehen und Bauer werden? Dort Befriedigung suchen, indem du Element, Zelle wirst in einem Bau, zu dem das Gesetz sich erst finden soll? * e . & Ich kann die Entscheidung nicht für dich tun. Menschen mit Sehnsucht nach Dingen in der Seele, von denen sie sicher wissen, daß sie sie in Palästina nicht haben werden, sollen nicht hinüber gehen. Die Zellen mit denen der Bau begonnen werden soll, sollen nicht den Keim der Kranke heit in sich haben. Aber eines ist zu bedenken <und ich will damit nichts gegen dich sagen): Sollte deine künstlerische Gestaltungskraft nicht hinreichen, ist dann ein guter Bauer sein nicht besser als ein schwacher Künstler oder Kunstgewerbler? Deine Entscheidung wird also zum größten Teil von dem Selbstvertrauen das du zu deiner künstlerischen Kraft hast, beeinflußt sein. — Wie viele aber jetzt in diesen Konflikten stehen! Der eine möchte Arzt werden, der nächste Ingenieur, du Künstler. Und über allen steht dieser unerbittliche Zwang sich entscheiden zu müssen, wo sie gespalten sind.