Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 101 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Was wir Jungen braudien. 101 Diese Menschen sind noch nicht in den Bann des Bürgertums getreten, Sie sind stark und fähig, Ideale ernst zu nehmen. Ihre Begeisterung für eine Idee einigt sich mit Begeisterung fürs Schaffen, Arbeiten. Diese jungen Menschen scharen sich um die Führer, denen es" gelungen ist, sie für die Idee zu wecken und sie fragen: »Was sollen wir tun?« Diese Frage kommt aus heißem Herzen. Die Fragesteller warten und sind auf große Aufgaben gefaßt. Doch sie warten entweder vergebens oder man fertigt sie ab mit den Phrasen: »Auch Adressen schreiben — — — —'«, u. ä., oder sie dürfen helfen, wieder neue Menschen für die Idee zu wecken, oder man heißt sie warten. Es ist kein Führer da, der aus eigener Erfahrung die Arbeit kennt, welche er von der Jugend erwartet. Es ist kein Amt da, keine Behörde, welche konkrete Vorschläge macht und welche überhaupt die Menschen ernst nehmen würde. Das schadet der Arbeit und es untergräbt die Jugend. Sie kann ihre Begeisterung, ihre Arbeitsfreude nicht nützen und geht zu Grunde. Viele junge Juden kehren zum Bürgertum zurück. Viele schreiben tat* sächlich Adressen und leisten ähnliche Kleinarbeit mit der Geste des Übermenschen. Am schwersten leiden die Wartenden. Sie können nirgends Wurzel fassen. Nicht in der Familie, denn die wollen sie verlassen,- nicht in ihrem Berufe, denn sie müssen ihn dann ändern, wenn die Idee sie rufen wird. Die Stärksten folgen der eigenen Initiative und gehen selbst ans Werk, sie gehen nach Palästina. Aber es war niemand da, der ihnen geraten hätte, wie sie sich vorbereiten sollen und darum hat die Jugend bisher so wenig geleistet im Vergleich zu ihrem guten Willen. Darum auch haben wir nirgends den Jugendtypus, den wir brauchen, den enfc* schlossenen, fröhlichen, zielbewußten Menschen. Auch ein Erziehungswesen wird uns ihn nicht schaffen - Wir brauchen Führer, welche die Arbeitsmöglichkeiten in Palästina und in den Ländern des Golus kennen und welche Verständnis für die Jugend haben. Dann — bis die Jugend auf ihre Frage: »Was sollen wir tun?« konkrete Antwort anstatt Bücher und Zeitungen bekommen wird, dann wird bestimmt die jüdische Jugendbewegung nicht ausbleiben. Eine zielbewußte Bewegung, welche vom Lager des Hergebrachten wegsteuert der Freiheit entgegen. Dann werden wir auch das beste Erziehungswesen haben, welches je ein Volk wünschen konnte. Denn wer ist ein so unfehl^ barer Erzieher, wie die lebendige, wirkliche Aufgabe? Sie allein kann den ernsten Menschen zur vollen Entfaltung seines Charakters bewegen,- sie steuert den jungen Menschen, billig mit großen Worten zu spielen und Phrasen zu dreschen, sie kann ihn veranlassen, entweder ein bescheidener, ernster Arbeiter zu werden, oder die Laufbahn eines Pioniers aufzugeben. Wann wäre die jüdische Jugend besser als erzogen zu betrachten, als in dem Augenblick, in welchem der Durchschnittsmensch seine Unfähigkeit zum Übermenschen aus eigener Erfahrung einsieht und sich selbst eingesteht, während der zu übergewöhnlicher Arbeit veranlagte seine Talente und Kräfte im Schaffen und Bauen erkennt und ausnützt? Grete Obernik. 8