Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 94 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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94 E. Eltjahu Rappeport: »In die jüdische Religion tritt eben das ganze Volksleben in völliger Gleichberechtigung seiner Funktionen ein und es ist geradezu frevelhaft, nachträglich Scheidungen und Unterscheidungen vorzunehmen und alles in die europäischen Registrierkästchen einordnen zu wollen. Darum ist auch die Betrachtungsweise: jüdische Religion und mosaische Gebräuche ganz falsch. Mosaische Gebräuche gibt es überhaupt nicht und das mosaische Gesetz ist dasselbe wie die jüdische Religion. Die jüdische Religion ist eben die Gesamtheit der Gebote und Verbote.« »Es hat immer außer dem Befolgen der Gebote noch davon unab* hängig ein Forschen gegeben, das wesentlich auch zur Religion gehört. Aber dieses Forschen, das religiöse Forschen, ist nicht, wie einleitend behauptet wurde, ein Erfassen der Außenwelt, sondern, wenn schon ein Gegensatz zur Wissenschaft dabei konstruiert werden soll, so liegt er darin, daß sich das Forschen der Wissenschaft auf die Außenwelt, das Forschen der Religion aber auf die Innenwelt richtet.« »»Nein. Bloß die Wissenschaft und erst die Wissenschaft postuliert diesen im Grunde sinnlosen Gegensatz des Innen und Außen. Der mythischen Schau, die für die Religion vor allem wesentlich ist, ist alles Geschehen und alles Sein eben ein Innerliches, nicht im Gegensatz zu einem Außen. Man könnte geradezu die Verinnerlichung der Welt als den Mythos bezeichnen. Das ist eben das Neue und Eine, das das Gottesbewußtsein schafft, daß man nun nicht mehr an die Dinge und die Welt herankommt und die Dinge feindlich und fremd an dich heran* kommen, sondern daß du nun gleichsam aus dem Herzen der Welt in die Dinge hineingelangst wie von der Unruhe des Tages im ruhevollen Abend zu dir selber.«« »Aber diese Lehre vom Ich-Bewußtsein und Gottesbewußtsein, als wäre ein und derselbe Mensch gleichsam in verschiedenen Bewußtseinen ent* halten, ist doch nur spekulative Konstruktion. Ihr entspricht doch keine Wirklichkeit. Das müßte man doch ganz gewaltig merken, wenn man aus dem einen Bewußtsein in das andere gelangen könnte.« »Die Formen der religiösen Äußerung könnte man gesondert betrachten. Man kann einteilen in drei Teile der Religion; Dramatisch, das ist das, was als Brauch bezeichnet wurde. Es ist der Gottesdienst, in dem sich der Einzelne in das gottgegebene Verhältnis zum Volksganzen setzt. Es ist die vorgeschriebene Form der äußeren Lebensführung. Episch, das ist der Mythos und die mythisierende Geschichtsauf* fassung. Es ist die Konkretisierung nationaler Abstraktionen. Im Mythos wird der Dienst des Volkes als Ichheit Gott gegenüber erzählt. Lyrisch, das ist Gebet und Loblied, Psalm. Es ist der Ausdruck des unvermittelten Dienstes des Einzelnen Gott gegenüber. ■ Die Gemein* samkeit des Gebetes und Lobliedes aber ist nicht wie die Gemeinsamkeit von Brauch und Mythos Menschensache, sondern Gemeinsamkeit des Gebetes ist allein immer von neuem und gnadenweise, glückhaftes Er* eignis, wie wahre Gemeinschaft von Mensch zu Mensch.«