Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 93 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437748--115-3776508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jung^Juda. 93 »Das mag richtig sein, aber auf theoretisches Denken und wissenschaftliche Systematik kommt es uns hier gar nicht an!« »Nicht nur die Form dessen, was uns gesagt wurde, war akademisch^ wissenschaftlemd, sondern diese Mittelbarkeit fand auch darin ihren Ausdruck, daß das religiöse Verhalten des Volkes der Außenwelt gegenüber geradezu etwas rein Erkenntnishaftes hatte, was ihm doch gar nicht zukommt. So wurde denn der treibende Widerspruch darin erblickt, daß Religion ein Bewußtwerden der Außenwelt von Seiten des Gotteswissens aus ist, Wissenschaft aber gemäß Zwecken ebenfalls Erklärungen sucht. In Wirklichkeit liegt der Widerspruch, auf den es hier ankommt, im Religiösen selber, indem einerseits alles als göttlich und somit als »gut« angesehen werden muß, andererseits aber von derselben Religion ein *»gutes« und sinnvolles Bewegen der Welt und 5omit die Scheidung von Gut und Schlecht gefordert wird.« »Es ist hier von Religion und jüdischer Religion gesprochen worden und doch das Wesentliche der Religion, nämlich daß sie festsetzt, was gut und schlecht heißen soll, gar nicht bedacht worden. Religion ist nicht nur auch ethisch, sondern sie ist gar nichts anderes, als die Form und der Grad der Sittlichkeit eines Volkes.« »Religiöse Bedeutung kommt Jakob wohl vor allem zu, ob er aber gar so sittlich war, wenn er seinen Bruder um die Erstgeburt durch Ausnützen seines Hungers betrogen hat und seinen blinden Vater auf das erbärmlichste beschwindelt und mit seiner Mutter zusammen den Betrug ausheckt?« »Und doch ist der Beginn der Menschentaten das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« »Vorher aber steht das Gebot: Du sollst davon nicht essen! und das andere: Besamet euch zu vielem Samen und füllet die Erde! Göttliches Gebot als sittliches Gesetz ist Ausgang und Hauptinhalt der Religion.« »»Und ich gehe dennoch um Eines zurück. Am Anfang ist die ungeschiedene Einheit des Tohuwabohu,- nur der RuachJHaschem überschwebt das All. Da schied sich Haschern in die Gegensätze, sodann in die Dinge und diese Zerscheidung Gottes ist das Ursymbol jüdischer Religion und vielleicht aller Menschenreligion. Ich weiß wohl, daß dies reiner Mythos ist, und daß in weiterer Folge auch das Ethische mit allem * anderen in die Religion eintritt, aber es läßt sich eben vom Ethischen der Religion absehen, vom Mythischen jedoch nicht. Gar das rechtlich-sittliche Verhalten von Mensch zu Mensch ist, weil weiter vom Mythischen abliegend, auch weiter vom Wesenhaften der Religion entfernt.«« »Ethik und Mythos sind in der gewordenen Religion ganz eng verknüpft und verknotet, so daß man sie wirklich nicht trennen kann und soll. Es wird erzählt: Wenn die Seelen in ihre Räume eingehen, dann zeigt ihnen Gott, Gerechten und Ungerechten, den äzer ha rah, den Antrieb zum Bösen. Und den Gerechten scheint er wie ein großer Berg und den Unge^ rechten erscheint er wie ein dünnes Haar. Und die Gerechten weinen und die Ungerechten weinen. Die Gerechten weinen und sagen: »Wie habe ich widerstehen können solchem Berge!« und die Ungerechten weinen und sagen: »Wie habe ich nicht widerstehen können so dünnem Haar!«