Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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92 E. Elijahu Rappeport: Gedanken übermittelt worden, die an den sdiiefen Tisch philosophischer Redeübungen eines wissenschaftlichen Seminars gehören, aber nicht dazu dienen können, daran eine gemeinsame Besprechung aufzubauen. Schon allein/ daß der Ausgangspunkt der Betrachtungen das höchst theoretisch zusammengeklügelte üottesbewußtsein bildet, das in einem früheren Vor* trag geradezu naturwissenschaftlich, wenn auch im Grunde schlecht wissen* schaftlich, erklärt und begründet wurde. An dieser, milde gesägt, philo* sophischen Auffassung der Fragen der Religion liegt es auch, daß eine Diskussion nun unmöglich erscheint. Denn daß Religion nur jedes Einzelnen »Privatsache« sei, ist eine typisch aufklärerische Irransicht, die der eigentlichen Einsicht in das Wesen der Religion entbehrt. Es gibt wohl in jedem Einzelnen ein Fleckchen der Religiosität, das er vielleicht nicht einmal Gott gegenüber entblößen mag, aber es ist doch geradezu Wesen der Religion, Sache einer Gemeinschaft zu sein. Insofern ist ja richtig gesagt worden, daß Religion das einem Volke gemeinsame <mythische> Weltbild ist. In diesem Sinne sind auch in den einleitenden Worten sehr treffend drei religiöse Individualitäten betont worden: Das Einzel*Ich, das Volk als Individualität und Gott, sofern er sich im Gottesbewußtsein als Individualität offenbart. Das hätte lieber dreifach unterstrichen werden sollen, statt theoretische Ausblicke auf Philosophie und Kunst herbeizu* fuhren. Weil nun aber vor allem die Nation religiöse Individualität ist, darf man sich wohl der Qual und Gefahr des Gegeneinanderhaltens der verschiedensten Ansichten nicht entziehen.« »Ich glaube nicht nur, daß man sich der gemeinsamen Besprechung nicht entziehen soll, sondern ich erwarte geradezu selbst bei klarer Aussprache der verschiedensten Meinungen durch das bloße lebendige Wort eine Einheit zwischen allen Worten. Denn das gesprochene Wort ist ja nicht allein Äußerung einer Meinung, sondern in weit stärkerem Maße noch für den wahrhaft Hörenden Aufbau einer neuen Einheit, die wesentlicher ist, als die Verschiedenheit der Meinungen.« »Es ist uns hier das Sonderbare widerfahren, daß wir von Religion als der eigentlichen Wirklichkeit des jüdischen Volkes sprechen hörten und doch nicht ausgegangen wurde von Gott, sondern vom Menschen, der erst zu Gott gelangt. Das mag das Erlebnis dessen sein, der wie ein Heide aufgewachsen ist, trifft aber doch nicht die Wirklichkeit. In Wirklichkeit ist doch Gott derjenige, der die Religion dem Menschen durch gewisse Offenbarungen und den verschiedenen Völkern in verschiedenen Graden und Formen gibt. Nicht vom Gottesbewußtsein des Menschen, sondern vom Bewußtsein Gottes müßte doch ausgegangen werden.« »Das geht nicht, wenn man so weit als möglich theoretisch vorgehen will. Wenn es auch wahr ist, daß es in manchem Sinne ein Mangel ist, daß ich überhaupt theoretisch vorzugehen mich gedrängt fühle,- aber habe ich diesen Ausgang und diese Stellung einmal, so kann ich theoretisch klar und eindeutig die Frage beantworten, ob und daß wir ein Gottesbewußt* sein der Form haben, daß wir uns unserer Ichheit als Gottes bewußt werden können, nichts aber vermag ich auf dem Wege des wissenschaftlichen Denkens über das Bewußtsein Gottes seinen Geschöpfen gegenüber auszusagen.«