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Jerubbaal · 1918-06-01 · 3 (6.1918) · p. Seite 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
3 (6.1918)
Date
1918-06-01
Page
Seite 88 (sequence 6)
Language
German
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88 Siegfried Lehmann: gebung nicht mehr mit der Wertung durch sein eigenes sittliches Ich heran, sondern hat für jede dieser Erscheinungen ein von der Gesellschaft, Presse etc. übernommenes sauberes Klischee, das Schlagwort. Es gibt kein Ding auf dieser Welt, dem er nicht sofort das Klischee aufdrückt, kein Ding, das er nicht mit dem Schlagwort auf den Kopf trifft. Spricht man ihm z. B. von der Unwahrhaftigkeit im heutigen Staate, von den Forderungen des Sozialismus, reagiert er mit »Gerechtigkeit ist eine Utopie« oder »einen gerechten Staat gibt es nicht und wird es auch niemals geben«. Spricht man ihm von dem Wahnsinn des heutigen Krieges, zuckt er die Achseln und meint: »Es hat immer Kriege gegeben,- es liegt im Wesen der Völker, wie soll es jetzt mit einmal anders werden?« Mit der Tatsache, daß heute in den Fabriken Millionen Seelen durch die Maschinenarbeit elend verkümmern, findet er sich mit den Worten ab: »das liegt in der Entwicklung, die sich dem Entwicklungsgesetz gemäß niemals zurückschrauben läßt«. — Überhaupt weist er dir die Berechtigung jeder in der Welt bestehenden Scheußlichkeit an der Hand der Entwicklungstheorie klipp und klar: »wissenschaftlich« nach. — Und sieht nicht, daß er mit diesen bürgerlichen Vorurteilen und Schlagwörtern seine eigene lebende Seele erschlägt. Der Unbürgerliche dagegen ist der freie Mensch, seinem Wesen ist das Wesen der Jugend verwandt. In der neuen Jugendgemeinschaft werden sich beide finden. Die Höhen und Tiefen seines Ich sind nicht durch den Einfluß der umgebenden Gesellschaft zu Gunsten einer allgemeinen Durchschnittshöhe nivelliert. Für ihn gibt es keine Erscheinung in der Welt, welcher er mit einem gesellschaftlichen Vorurteil entgegentritt. Er verachtet das Schlagwort und unterwirft jede Erscheinung der Wertung durch sein freies sittliches Ich. Weder die höchste Zweckmäßigkeit einer Einrichtung, noch das Wissen um seine tausend Jahre währende Existenz kann ihn bestimmen, es bestehen zu lassen, wenn es dem Geist der Sittlichkeit widerspricht. — Da es heute in der uns umgebenden Gesellschaft nur wenige Institutionen gibt, die dieser Wertschätzung durch das nur Gott verantwortliche menschliche Gewissen standhalten, ist der Unbürgerliche von Grund aus revolutionär gesinnt. Er muß die bestehende Gesellschaft, die Wirtschaftsordnung, die Schule, das öffentliche Leben von Grund aus verneinen. Wie jede wahre Jugend, die ihre Seele noch nicht so dem nivellierenden Einfluß der bürgerlichen Gesellschaft ausgesetzt hat, an und für sich unbürgerlich ist, steht er der Umwelt ebenso gegenüber, wie der hier bezeichnete unbürgerliche Mensch. Erzähle einem jungen Menschen, daß es im heutigen Staate Hunderttausende von Menschen gibt, die selbst nicht arbeiten, sondern von den Zinsen d. h. von der schweren Arbeit anderer leben, erzähle ihm, daß es in einer Stadt große Gärten zur Lust für Wenige gibt, während die Häuser der Besitzlosen so gebaut sind, daß nicht einmal die allen Menschen gehörende Sonne in das Innere hineingelangt. . oder erzähle ihm von dem Sinn der Schulerziehung, die Anspruch macht, die Jugend zu einem wertvollen Menschentum zu erziehen und lasse ihn die heutige Staatsschule nach dieser Richtung hin prüfen und es wird keine Stimme da sein, die das bestehende

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