Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 81 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Blauweiß im Rahmen der jüdischen Jugendbewegung. 81 Wir teilten unsere Wanderer nadi Alter und Art in Gruppen, Züge, mit der Höchstzahl von lö Mann. Jeder Zug bekam einen Führer, resp. Führerin, die mit dem Zug in innigem Kontakt leben mußten und im Rahmen des GesamuBlauweiß in ihrem Zuge nadi ihrer Art schaffen konnten. So gab es bald verschiedenartige Züge, solche, die über das allgemeine Maß hinaus z. B. Musik pflegten, andere, die sportlich be* sondere Leistungen zeigten und so fort. Es stand unsern Wanderern natürlich jederzeit frei, um Versetzung in einen anderen Zug anzusuchen, jedoch kamen derlei Fälle nur überraschend selten vor, wohl vor allem deshalb, weil die jeweilig gen Führerpersönlichkeiten meist stark genug waren, die in diesem Alter ja noch wenig differenzierten Wanderer nach ihrer Art zu beeinflussen, eine Sache, die wohl bei Kindern unvermeidlich ist und starken Führerpersönlichheiten wohl auch bei älteren Jugendlichen, selbst gegen ihren eigenen Willen, immer wieder begegnen wird. Darin äußert sich ja die Führer* persönlichkeit eines Menschen, daß er imstande ist, andere in freier Gefolg* schart um sich zu scharen. Die Stellung des Führers zu seinem Zug hing und hängt natürlich vor allem von ihm selbst ab. Er muß den Weg zu seinen Leuten finden. Die Wanderer müssen spüren, daß sie auch mit ihren allerpersönlichsten Angelegenheiten bei ihm hilfreiches Verständnis finden. Gar manchem unserer Wanderer ist der Führer Vater und Mutter und Freund und Bruder zugleich geworden. Prinzi* piell lassen wir Burschenzüge nur von Burschen, Mädchenzüge von Mädchen führen, im Kriege allerdings mußten wir bisweilen von diesem Prinzip abgehen. Selbstverständlich wurde bei der Aus* wähl der Führer vor allem darauf ge* sehen, daß sie menschlich integre Per* sönlichkeiten waren. Wissen und Fertig* keiten kann man unter Umständen auch noch während der Führerzeit erlangen, eine ganze, achtunggebietende Person* lichkeit jedoch muß man sein, denn zum Führer wird man geboren, nicht erzogen. Je älter und reifer die Wanderer wurden und werden, desto mehr nähert sich in der Regel die Zugsgemeinschaft und ihr Leben echter Gemeinschaft, wahrem Gemeinschaftsleben. Natürlich hängt das wieder in erster Linie vom Führer ab. Als unsere Leute in größerer Zahl das Stadium der reiferen Jugendlichen zu erreichen begannen, begann in un* serem Blauweiß ein zuerst unbewußtes, dann immer bewußteres Suchen nach neuen Formen aktiver Betätigung für diese, dem Kindheitsalter Entwachsenen. Mochten die Leute in der engeren Zugsgemeinschaft auch noch so viel Befriedigung finden, auch noch so har^ monisch leben, so wollten sie doch immer mehr auch über den Rahmen der engsten Zugsgemeinschaft hinaus im Gesamtblauweiß harmonisch leben, und aktive Arbeit tun können. Sie fühlten sich also immer öfter durch die für Jüngere zu* geschnittenen Formen beengt und ihre Führer waren nicht immer imstande, ihnen im Gesamt*Blauweiß ein Leben nach ihrer eigenen Art ungestört zu garantieren. Das wurde besonders bei uns in Wien akut, weil, wie ich glaube, wir die erste Ortsgruppe sind, die zu gleicher Zeit eine größere Zahl von älteren Jugendlichen als Wanderer in ihren Reihen hat. In den Provinzorts* gruppen wurden die wenigen älteren bisher entweder bei der herrschenden Führernot gleich Führer oder sie ver* ließen den Blauweiß und traten in parteizionistische Korporationen ein. Bei uns, wo die Führernot nicht so groß war und wo, vielleicht hierdurch, viel* leicht durch die längere Entwicklung, bereits eine höhere Auffassung vom Führer platzgegriffen hatte, gab es bald Wanderer, die das Zeug zum Führer nicht in sich fühlten oder die Führer* pflichten noch nicht auf sich nehmen wollten, und die doch unmittelbar und unbeengt weiter ein Blauweißleben führen wollten und keinesfalls sich außer* halb des Blauweiß zu stellen gedachten. Das unklare Gefühl, daß man ein Blauweißer sein Leben lang^ bleiben