Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 80 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Vom Leben der Jugend: stände selbst {emanzipieren uns wirt* schaftlich) und suchen uns gemäße Formen und Inhalte. Das wird nidit auf einmal vollständig gehen. Doch können wir einen großen Sprung gleich machen und dann auf diesem Wege fortfahren.- Diesen Weg klar vor Augen sehend, sowie die Unmöglichkeit eines wün* sehenswerten anderen Weges erwuchs in uns der Wille, in der Nähe Wiens, wo wir dodi bodenständig und erweite* rungsfähig sind, eine Gemeinschaft zu gründen. Dieser Wille ist im wesentlichen verschieden von dem pensionierter Be* amten, Vegetariern und Aktienunter* nehmern in Gartenstädten. Er wird keine Niederlage sein, wenn wir Schaufel und Hammer nur mit Widerwillen zur Hand nehmen werden, wenn wir an technischen Kalamitäten leiden werden, er würde aber eine Niederlage sein, wenn wir in 20 Jahren unseren Eltern gleichen würden, wenn wir unsere Kinder nicht in wesentlich andere Schulen schicken würden. Diesen Willen zu haben, ihn bei anderen zu erkennen und zu wecken, das ist es, worauf es ankommt und nicht, ob wir genug Geld haben werden und ob nach dem Kriege eine günstige Konjunktur für landwirtschaftliche Pro* dukte sein wird. Ebenso wie es bei einer Ehe darauf ankommt, daß die beiden sich lieben mit jener Unbedingtheit und Grund* losigkeit, deren nur der Eros fähig ist und nicht ob sie Geld haben oder nicht. Und wahrlich, ein Bund, weihevoll und unbedingt wie eine Ehe müssen wir sein, aufgebaut nach den Gesetzen des Eros und nicht nach dem Utilitari* tätsprinzip. Eine Stätte des Vertrauens und der Wahrhaftigkeit, ein Land der Schönheit, ein Reich der unbegrenzten Möglich* keiten wollen wir gründen und keine G. m. b. H., kein Versorgungsheim für Schiffbrüchige. Richard Kram er. Blauweiß im Rahmen der jüdischen Jugendbewegung. Der Wanderbund, wie wir ihn vor zirka 5 Jahren schufen, konnte nur in beschränktem Maße als Glied der jüdischen Jugendbewegung angesehen werden. Denn die, die den Bund eigent* lieh bildeten, die Wanderer, waren nur Objekte der Bewegung, die in uns paar Führern lebte. Wir haben damals den Blauweiß ge* schaffen, um eine möglichst große Zahl von jüdischen Jungens und Mädels zu einem jüdischen Menschentum in un* serem Sinne zu erziehen. In unserem Sinne, d. h. wir wollten sie so beein* Hussen, daß sie seelisch und sittlich ge* hobene, für Schönheit und Größe emp* fängliche, aii Körper und Geist gesunde junge Menschen würden. Aber junge jüdische Menschen wollten wir in ihnen erziehen, wir wollten ihnen von früher Kindheit an so viel an jüdischen Kultur* werten vermitteln, daß sie dem ewigen Zwiespalt zwischen Menschentum und Judentum in sich entgingen, daß ihnen die Menschheitskultur sich aufbaue auf der Grundlage ihrer arteigenen Kultur, wie bei anderen, glücklicheren Völkern. Von aller Politik wollten wir natür* lieh die Kinder verschont lassen. Aber all unser Tun war eingestellt in die Erhebung unseres Volkes, denn ohne diese Einstellung wäre ihm ja Sinn und Ziel genommen. Wir suchten nur ganz kurze Zeit nach Wegen zu unserem Ziel. Wir waren Menschen, die seit längerem schon Freude und Stärke und reinigende Kraft des Wanderns an sich selbst erlebt hatten und dadurch wurden wir fast instinktmäßig darauf geführt, daß das Wandern in jüdischer Gemeinschaft unserer Jugend das Heil bringen könne. Und so gründeten wir den Wander* bund, in Formen, die sich wohl seit* dem in manchem ein wenig geändert, in den Grundzügen aber für das Alter zwischen 9 und 16 Jahren zirka bis heute bewährt haben.