Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 78 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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78 Vom Leben der Jugend: Ich glaube, meine Schilderung ist sehr mangelhaft/ so etwas wie die Kameradschaft kann eigentlich nicht beschrieben werden, sondern muß mit* erlebt werden / vielleicht kommst Du auch noch einmal dazu. P. S. Mit dem . . .^Verein unterhandeln wir schon seit einiger Zeit. Ihr Formenwesen ist uns unangenehm, aber vielleicht ist doch noch etwas anzufangen. Wir beugen uns nicht! Vom Warum wir siedeln wollen. »Wir« sind fünfundzwanzig junge Menschen, die in den Jahren 1913 bis 1914 im Kreise jener Jugendgruppe waren, die sich um den »Anfang« scharte. Wenn ich nun der jüdischen Jugend mitteile, in welcher Lage diese Mensdien sind und wieso sie in diese kamen, so tue ich dies, um der jüdischen Jugend einen Weg zu weisen. Sehe ich sdion keinen anderen Weg als den über die Siedlung, um aus dem wirtschaftlichen Elend Europas herauszukommen, so kann ich mir die Kolonisation eines neuen Landes durch ein sich wirtsdiaftlich erst festigendes Volk gar nicht anders vorstellen als durdi Siedlungen. Ich will dartun, wohin uns ein konsequentes Weiterschreiten in wahrhaftiger und verantwortungsvoller Lebensführung brachte. Für die jüdisdie Jugend soll dies eine Möglichkeit zeigen, wohin auch sie gelangen wird, wenn sie in Ablehnung bisher anerkannter Brziehungs formen nadi eigener Verantwortung ihr Leben gestalten will. Es wird ihr dann nicht sdiwer fallen zu entscheiden, welche Berufe sie an Stelle der vielen heutigen unsozialen und unethischen beizeiten ergreifen soll. Blicken wir fünfundzwanzig auf die Zeit vor der Jugendbewegung zurück, so sehen wir uns als Unzufriedene eng in die Familie, die Schule und die bürgerliche Ordnung eingezwängt, nicht wissend, welchen anderen Platz wir in diesem Chaos einnehmen könnten als den der bloßen Opposition. Dann, in der Jugend* der Jugend. 1 bewegung, den Sinn der Jugend, wie er in Wynekens »Freie Schulgemeinde« dargelegt ist, als unseren Sinn erfassend, konnten wir nicht hoffen, diesem Sinn gemäß uns in die Welt einordnen zu können. Oft nicht wissend, wie unsere nächste Zusammenkunft praktisch zu ermöglichen sei, kamen wir auch hier nicht über das Protestieren hinaus und unsere Wege waren verbotene Schleich* wege. Unsere Kämpfe richteten sich natürlich gegen unsere unmittelbaren Zwangsobjekte, die Familie und die Schule. Ihnen zu entrinnen, war der nädiste Weg, weiter in die Zukunft konnte man nicht hoffen. Fragte man jemanden, wie er sich später einmal in die Gesellschaft ein* zuordnen gedenke und welchen Erwerb er sich wählen wollte, so waren überaus viele, die dachten, mit ihren Kunst* und Geisteserzeugnissen ohnehin die Welt aus den Angeln zu heben, wobei solche Kleinigkeiten sich schon geben würden. Andere erhofften irgend einen bürger* liehen Erwerb, vertrauend, daß die Welt den braven Mann doch wohl als solchen anerkennen werde. Jetzt aber müßte uns, die wir alle über zwanzig Jahre sind, eine solche Art zu denken als äußerster Leichtsinn oder Zurückgebliebenheit angerechnet werden. Wir können nicht mehr glauben, daß ein üblicher, bürgerlicher Erwerb mit unseren ethischen Forderungen vereinbar ist. Wir stehen dem Wert der wirt* schaftlichen Tätigkeit und auch der