Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 73 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie ich den Antisemitismus erlebte. 73 dienste, die oft* sogar an Entwürdigung grenzten, umsonst getan. . . Das war bitter. Als wir nun ratlos im Zwiespalt der Parteien standen, da betrachteten wir unsere jüdischen Mitschüler und nahmen wahr, daß sie eigentlich doch nicht diese ekelhaften Kerle sind, als die wir sie auf Grund der Überzeugung unserer bisherigen christlichen »Gesinnungs^?genossen« erblickt hatten. Freilich wurden wir im Anfang wohl kühl und ast geringschätzig behandelt, bald aber war unsere Vergangenheit vergessen. Ein Gefühl der Ruhe war in unsere Herzen eingezogen. Wenn wir früher einmal den deutschen Kameraden schön taten und Kornblumen uns ins Knopfloch steckten, da gab es uns jedesmal einen Stich. Wir fühlten, daß dies alles nur äußerlich war, daß wir im Innern nie mit unsern deutschen Kameraden harmoniert hatten. Und so kam sich ein jeder von uns im geheimsten Inneren als falsch und unaufrichtig vor. Viele, darunter auch ich, machten sich darüber Skruppeln, aber der Egoismus, die Sucht, Ruhe zu haben, trieb uns immer und immer wieder ins judenfeindliche Lager. Jetzt aber waren wir zurückgekehrt. Wir waren der neugeschenkten inneren Harmonie mit unseren jüdischen Mitschülern so froh, daß wir unserer Begeisterung nicht genug tun konnten. Das Unglück wollte, daß wir zu dieser Zeit in Latein einen Professor bekamen, der ein getaufter Jude war. Jetzt regnete es selbst vom Katheder antisemitische Bemerkungen, die jedesmal ein höhnisches Grinsen des judenfeindlichen Blockes zur Folge hatten. Die Erregung in der Klasse wuchs immer mehr, ganz besonders hatten es die judenfeindlichen Mitschüler auf uns ehemalige Assimilanten abgesehen. Einmal gab es in der Klasse aus irgend einem nebensächlichen Grunde eine Balgerei zwischen Deutschen und Juden. Einige stämmige Deutsche hatten es ganz besonders auf mich abgesehen und mich weidlich verprügelt. Und zum Schlüsse des Ganzen, spuckte mir einer ins Gesicht: »Da hast du, du Saujud . . •!« Das war für mich das Schrecklichste. Laut heulte ich auf, in Wut bebte ich am ganzen Körper, Hohngelächter beantwortete mein Wimmern und schließlich nahm ich meine Bücher und schlich schluchzend heim. Am Tor begegnete ich unserem Latein-Professor. Er fragte mich in jüdelndem Tone: »Warum weint denn der Weiß?« Ich schluchzte hervor: »Sie haben mich — verhaut —' weil ich ein — Jude — bin. Herr Professor — was kann ich — denn dafür?!« Ich sah ihm ins Gesicht. Er wandte sich ab, biß sich in die Lippen und ging fort. Ich eilte traurig nach Hause. Er hatte aber nichts gelernt von diesem Vorfall. Nach wie vor brachte der getaufte Jude bei allen möglichen Gelegenheiten judenfeindliche Bemerkungen. Als er aber einmal sagte: »So eine Gemeinheit kann nur ein Jude getan haben,« da riß uns allen dte Geduld. Die Juden der Klasse beschlossen, eine Abordnung zum Direktor zu senden. Wer sollte aber sprechen, wer sollte das Opferlamm machen? Wußten wir ja alle, daß dieser sich bei allen Professoren mißliebig, unmöglich machen würde. Da sagte mir eine innere Stimme: »Jetzt sühne, daß du früher deine jüdischen Mitschüler verraten hast« und ich erklärte mich bereit, den Sprecher zu machen.