Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 72 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Robert Emil Weiß: »israelitischen« Kameraden nicht nur darin bestand, daß wir verschiedenen Religionsunterricht genossen, sondern daß er in etwas ganz anderem, Wesentlicherem beruhte, das ich mir damals noch nicht recht erklären konnte. Später wußte ich den Unterschied: Meine deutschen Mitschüler fühlten sich eben »zu Hause«, während mir wohl der Wald als schön und ehrfurchtgebietend usw. erschien, aber es fehlte jenes Band der Heimatsliebe, das unbeschreibbar ist und das man gefühlt oder — vermißt haben muß. Ich kam ins Gymnasium. Ich suchte mich in jeder Beziehung an meine christlichen Mitschüler anzupassen. Ich wurde, wenn man einen elfjährigen Knaben so nennen kann, ein Assimilant. Wenn in der Klasse über die Juden gewitzelt wurde, so war ich der erste, der darüber lachte. Es war kindlicher, unbedachter Egoismus, der mich dazu trieb. Daß ich dadurch meine jüdischen Mitschüler schädigte, ward mir nicht recht bewußt. Ich wußte nur, daß ich für einige Zeit vor den Insulten einiger besonders temperamentvoller deutscher Mitschüler sicher war. Es war dies aber bloß die Ruhe vor dem Sturm. Es kam die Zeit der Reichsratswahlen. Unglaublich, aber wahr ist es: die Wogen der politischen Bewegung schlugen sogar in die Sekunda des Gymnasiums. Die Klasse war in zwei feindliche Parteilager gespaltet. Schon früher waren die Jungen »politisch« bearbeitet gewesen. Von den ChriwSten waren die einen fanatische Anhänger des »Deutschen Schul* verein« oder Angehörige der Marianischen Kongregation, die andern bewahrten im Punkte Judenfrage Neutralität. Die. Mehrzahl der Juden sonderten sich von den deutschen Kameraden ab, suchten engsten An* Schluß aneinander und halfen sich getreulich über die Leiden und Gefähr* nisse des Gymnasiastenlebens hinweg. Nur eine kleine Gruppe von Assimilanten liebäugelte mit dem gegnerischen Lager. Diese Scheidung in zwei Lager blieb sogar während des Unterrichtes aufrecht. »Eingesagt« wurde prinzipiell nur den Angehörigen der eigenen Partei und Nieder* lagen der Gegner mit offener Schadenfreude aufgenommen. So vergiftete der Haß der Erwachsenen die Seele der elfjährigen Knaben. Das eine aber kann festgestellt werden: fanatischer waren die deutschen Kameraden. Wenn einmal einer der judenfeindlich gesinnten Kameraden etwas ganz besonders »Großes« tat, so wurde auch bei den Juden seine Leistung als solche günstig und gerecht beurteilt. Bei der Gegenseite kam dies nie vor. Immer war der betreffende erfolgreiche Jude ein Schwindler, ein Kriecher oder ein Stucker und wie diese lieblichen Ausdrücke des Gym* nasiastenjargons noch weiter lauten. Nun also kam die Zeit der höchsten politischen Erregung, die Wahlen- Daheim fingen die Schüler die Schlagworte von hüben und drüben auf, suchten sie ihrer Gefühlswelt näher zu bringen und kolportierten sie,- nicht ohne gewisse Veränderungen, in der Klasse. Als die Assimilantengruppe der Juden schwankend Anschluß beim »christli(hsozialen*deutschen Block« suchte, da erhielt sie eine tüchtige Abfuhr: »Geht's nur, ihr seid doch auch Juden!« Dies bradtte uns Assimilanten zur Besinnung. Alle unsere Bemühungen um die Gunst der christlichen Kameraden waren also erfolglos geblieben, die vielen Liebes*