Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 74 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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74 Hermann Graf: Es kam, wie vorausgesehen. Der Herr Dr. S . . . war von jetzt ab in seinen Äußerungen gemäßigter und wurde am Jahresschluß in eine andere Anstalt versetzt, idi aber war bei allen Professoren von nun an verhaßt. Da ich zu allem Unglück kein Musterschüler war, so mußte ich die Anstalt verlassen. Meine Eltern gaben midi in ein Konvikt. Innerlich war idi aber ge* festigter geworden, ich chatte zu meinem Volke heimgefunden. Später wurde ich Zionist. Robert Emil Weiß. Unser Weg. <Aus dem Nachlaß von Hermann Graf*). Jesaia 6/13: Doch soll noch der zehnte Teil da bleiben, sonst wird alles weggeführt und verheert werden, wie eine Eiche oder Linde. Der Stamm bleibt, aber die Blätter werden abgestoßen. Ein heiliger Same wird solcher Stamm. Für junge Menschen gibt es zwei Weisen, das Leben zu formen, konventionell oder schöpferisch suchend: Wer sdiwach ist, lebt konventionell: Sein Leibgötze - Lebensregent heißt : Bequemlichkeit. Sein Beruf soll ihm Luxus verschaffen und »soziale Stellung«. Ohne das, wie ein gewöhnlicher Mensch, kann man ja.nicht leben, wer Luxus und »soziale Stellung« ererbt und niefit erarbeiten muß, ist besonders glücklich und »lebt seinen Neigungen«. Solche Leute sind nicht stark genug zu großen, heißen Idealen, darum kennen sie keine Bewegungen und Kämpfe nach außen,- sie leben nicht stark genug zu Konflikten, und darum kennen sie keine Kämpfe nach innen und keine Erlösungen. Der große Götze duldet neben sich nur kleine, schwache Götter, darum dienen sie neben ihm nur entmannten Ideen: Freiheitlichkeit statt Freiheit, Humanität statt Menschentum. So gehen die meisten jungen Juden. Sie gehen verloren. Aber wir sind jung und stark. Wir wollen uns ein Leben formen, wir wollen schaffen, kämpfen, bauen, Menschen sein, und nicht Philister, wir wollen unser freies, gerades Wesen nicht biegen,- unser Judentum nicht ersticken. Unser Milieu kann uns nicht genügen. Es ist unfrei, feig, unganz, es gibt uns keine Gemeinschaft, hemmt unsere Kraft, es will uns fressen. Wir wollen uns von ihm befreien. Da helfen keine halben und viertel Reformen, es heißt: unterducken oder eine Tat tun. Was soll das für eine Tat sein? *> Hermann Graf ist im Juni 1917 neunzehnjährig gefallen. Wer ihn kannte, hat den erschütternden Ernst geliebt, mit dem er Jugend, Judentum und Ideen zu seinem Schicksal werden ließ. So hat er auch für eine neue jüdische Jugend gearbeitet/ er hatte für sie leben wollen. Die drei Stücke aus seinem Nachlaß deuten an, wohin er vielleicht gelangt wäre, wenn ihm Zeit zur Reife gegeben worden wäre.