Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 68 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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68 MeYr Wiener: in ihr Gegenteil. Dies betonten immer unsere größten Propheten. Zwar gibt es Handlungen, die mit der Religion in Konflikt geraten, aber keine gibt es, in die sich Religion umsetzen könnte. Ihr Wesen ist Erlebnis und nicht Tat. Nur mißverstehende, plump zugreifende Tatengier läßt sich aus dieser zartesten aller Passionen zur Aktion hinreißen, vermeinend <nach Mendelssohn), mit Hilfe der Taten auf der Höhe verharren zu können, auf der das Erlebnis nur einen Augenblick verweilen kann. Der Zionismus strebt nach Liebe. Liebe ist nicht Mitleid, nicht Erbarm men, Liebe ist —' Mitleben, Geöffnetsein, der Welt und dem Menschen. Erbarmen ist eine physiologische Reaktion gegen das Grauen beim Anblick des Leides, gegen klare oder unklare Drohung, Mitleid ist ein lustvolles Auflösen des Schreckens in Tränen des Auges oder des Geistes. Nieder^ gang ist es, Ethik auf Erbarmen zu gründen,- früher hat die jüdische Ethik das Mitleid mit derselben Entschiedenheit, wie später Kant, aus der Moral verbannt,- der Talmud lehnt die gnostisch-christliche Ethik ab, »mipne scheosse geserothow schel hakadosch baruch hu rachmim, weenom ela din«, »weil sie die Imperative Gottes mit Erbarmen deuten, wäh* rend sie nur Gerechtigkeit sind«. Jetzt aber, in der Zeit tiefsten Nieder* ganges wurde die momentane, zufällige, äußerlich-egoistische Rührung fast zum einzigen ethischen Grundsatz erhoben. Der Zionismus erstrebt die Wiederherstellung der jüdischen Würde. Ewig und immer schielen wir zu den anderen, was sie wohl von uns meinen mögen? Wir verrenken uns in komisch seltsamen Kapriolen und schielen hin: meine Herrschaften, wie finden sie das? Wie die Aifen in Kiplings Dschungelbuch frohlocken wir dann: sie sprechen von uns, sie haben uns bemerkt! Wir nehmen uns keine Muße, in Ehrfurcht hinzu* lauschen auf die Stimme unserer eigenen Seele, nicht mehr feuern wir sie an: »Preise Entstrahlte, Heilige, Lautere . . .«, ihre Stimme zählt nicht mit. So bekamen wir einen verlogenen, schielenden Blick, der sich vor dem fremden mißtrauisch versteckt, so trauen wir uns selber nicht mehr, auch noch wenn wir einzige Wahrheit sprechen. Der Zionismus strebt nach Adel. Adel ist nicht Stolz der Empor* kömmlinge, nicht haßerfüllte Selbstgenügsamkeit, nicht ohnmächtige Rache Verschmähter. Adel ist jener Verzicht auf Zustimmung, der aus gesicherter Würde kommt, jene gütige Vornehmheit, die liebevoll lächelt, statt zu widersprechen, jene wahre Unabhängigkeit, die von innen kommt und sich nicht von außen bestimmen läßt, jene natürliche Einfalt, die den Gegen* satz zur affektierten bildet. Diesen Adel haben wir verloren, daher verachten wir uns gegenseitig, daher unsere Verlogenheit, daher unser Leben für und mit dem Augenblick,- statt der gewaltigen historischen Perspektive unserer Väter, lernten wir den Augenblick und seinen Erfolg anbeten. In grotesker Verzerrung finden wir die Mängel des Juden bei der jüdi* sehen Frau. Ihr fehlt völlig die letzte Spur quälenden Gewissens, worunter der Jude im Bewußtsein seiner Unvollkommenheit zuweilen leidet, denn ihre Erziehung ist empörend verwahrlost. Weist die Frau im allge* meinen weniger Gemeinschaftsgefühl auf als der Mann, sich mehr auf den nächsten Gemeinschaftskreis der Familie beschränkend, so fehlt es der