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Jerubbaal · 1918-05-01 · 2 (5.1918) · p. Seite 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
2 (5.1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 67 (sequence 25)
Language
German
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Ziele des Zionismus, 67 Nun aber kann Leben nicht mit sich beginnen, aus sich heraus erstehen,- Zukunft setzt Vergangenheit voraus. Der Zionist will seine Zukunft nicht auf fremde Vergangenheit bauen, weil sie mit seinem Wesen nicht zusammenklingt, und Mißklang gebiert Lüge. Der Zionist erstrebt Wahrf) haftigkeit, darum greift er auf seine eigene Vergangenheit zurück, nur aus // ihr heraus, von allen Schlacken geläutert, erhofft er harmonische Zukunft. Nicht schließt er sich ab gegen alles Lautere aus der Fremde, doch lächelt er über jene kindische Naivität, die aus Neidgefühlen so leicht eine Gemeinschaft des Besitzes sich bewußt einbildet. Er sucht Boden für seine Seele, wo sie Wurzel fassen kann, um jene Sicherheit zu er^ reichen, die nötig ist, wenn fremde Güter in gehöriger Reinheit und Gemessenheit zu gedeihlichen Keimen aufgenommen werden sollen. Wer aber sich Gewalt antut und selbstverleugnend sagt: was war, hört auf zu sein, Vergangenheit schüttle ich von mir ab, jetzt bin ich neugeboren — der lügt, wird Qual erleiden, ohne seiner Seele Frieden zu bringen. Zionismus ist erschütternde Läuterung des Judentums, er ist mit seinen Gebrechen nicht einverstanden, verschwört sich nicht mit ihnen gegen die Zukunft,- er glaubt an Besserungsmöglichkeit, der Wille versagt auch auf ethischem Gebiete nicht,- doch verleugnet er auch nicht der Zukunft zuliebe seine Vergangenheit, die doch sein Wesen selber ist. Der Zionismus strebt nach Festigung des sozialen Gewissens, des Gemeinschaftsgefühles, das uns trotz schöner Phrasen über das Thema: »rachmanim bne radhmanim«, fehlt. Eine gefährliche Verwirrung gefährdet die Moral der »jüdischen Gasse«, indem das religiöse Leben vom gesellschaftlich-moralischen so stark getrennt wurde, daß Ausschreitungen gegen das eine, dem anderen nicht mehr widersprechen. Moral wurde von Religion unabhängig, wogegen nichts einzuwenden ist, wenn es nicht dazu führt, nach Art der Gnostiker, Amoralität mit Religiosität vereinbar zu denken,- gefährlich für eine Gemeinschaft, der Religion Grundrichtung des Geistes ist. Ein Amoralischer aber religiös »Einwandfreier« verliert seinen Anspruch auf Achtung nicht, es heißt dann, »er ist trotz allem ein frommer Jude«. Die jüdische Religion, ursprünglich durchaus ethisch aufgebaut, den Propheten sogar mit Ethik gleichbedeutend, hat in letzter Zeit 3ie Satzungen über die Pflichten »des Menschen gegen den Menschen«, aus ihrem engeren Gebiet, das auf die Pflichten »des Menschen gegenüber Gott« eingeschränkt wurde, ausgeschaltet. Aber auch dieses eigentliche Religionsgebiet ist entartet: einfaches Gotteserlebnis findet in ihm kaum Raum, die Begeisterung des heutigen, entarteten Chassid ist gegenstandslos, leer, rituell, pflichtgemäß, derwischartige Selbstbetäubung: eine traurige Verzerrung der reinen Gottesekstase. Bezeichnend genug, werden gerade die dekadenten Äußerlichkeiten der lurjanischen Kabbalah, zerufe schemoth, jichudim, Buchstaben und Zahlenspielereien über den Gottesnamen, ohne Eindringen in ihre Wesentlichkeiten, gepflegt. Mit wirklichem Gotteserlebnis hat dies nichts gemeinsam. Überhaupt, Religion, die in Ritual ausartet, zur*. Tat verroht, hört auf, Religion zu sein. Im Augenblick, wo religiöse Energie sich in Tat verdichtet, sich in einen Kultus auslädt, erstarrt das reine Gotteserlebnis, die Religion stirbt dann und wandelt sich

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