Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 62 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Herbert Weidimann: Das Dilemma. zugleich in den Gedanken der Weltumfassung, spezialisiert statt vereinigt. Vollends erst die Arbeit der assimilitativen Tendenzen. Eine Vielheit von Scyllen und Charybden. Die jüdische Seele selbst schwebt in Gefahr. Wo Angleichung ist, steht Verleugnung daneben, der Strom ursprünglichen Zieles vergleitet nur zu leicht im breiten Bette der Gewöhnlichkeif. Zagend umfaßt die gewissenhaft wägende Seele das unsichere Land. Wo wölbt sich die Erde zum Aufweg ins Paradies? Licht und Schatten sind gleichmäßig verteilt, der erkenntniskritische Sinn erfaßt das Recht und Unrecht jeder Richtung. Was entscheidet, ist die Individualität. Das Urteil fällt in die Kompetenz des Psychologen. Doch aus der Gesamtsumme der Möglichkeiten zieht der Rationalist die Konsequenz. Die Aufgabe des Judentums im Zeitalter des Heute ist kein Kult und ist auch keine religionsphilosophische Spekulation, sie ist eine provident politische Abrechnung. Das ist das Verbindende, das Prinzip der Kommunizität zwischen den einzelnen Kanälen: Die Identität der politischen Verpflichtungen! Das Substrat aller Sehnsucht, das Dogma aller Tendenzen ist die programmatische Forderung: Reformation der Erdpolitik nach dem Regulativ der Gerechtigkeit. Das idealistische Judentum hat eine politische Partei zwischen den Formen der Staaten zu werden. »Die Elemente der Wirksamkeitswelt sind die politischen Parteien« <Brod> — hoch das allgemeine, internationale, politische Judentum! Ich bitte nicht falsch zu verstehen, ~* die Bindung soll keine organisatorische sein, nicht die Zahl, in diesem Falle entscheidet alles der weltpolitische Geist. Weltordnung nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit durch die suggestive Kraft des Gedankens selbst. Aus den Beschränkungen der staatlichen Bindung hinauf zur Erkenntnis der allgemeinen Aufgabengrundlage im Wesen der Völkerversöhnung und gegenseitigen Verpflichtung. Und der jüdische Kopf als die motorische Kraft dieser Propaganda der Anständigkeit und Menschlichkeit. Ob Zionist, Assimilant oder Weltbürger, diese eine höchste Basis sittlicher Arbeit bleibt gemeinsam. Die soziologische Bestimmung der jüdischen Seele ist die Entfaltung zwischen^ staatlicher politischer Energie. Solange Schreie durch das menschliche Chaos gellten, so oft in heißer Sehnsucht der Glauben und der Wille vom alleinigen Imperalismus der Vernunft sich zu Wort oder Tat erformte, —- geht auf den letzten Ursprung zurück und Ihr findet den Juden! Der Weltkrieg ist die grellste Mahnung der Zeit an die Zeitlosigkeit der Idee. Noch herrscht das Mittelalter. Daß Sonnenaufgang werde, Vereinigung der Menschen zur Versöhnung und Anerkennung, das Juden, ist eure politische Aufgabe. Erfaßt sie, formt sie zu zeitlicher und räumlicher Zweckmäßigkeit und arbeitet daran, eine Brudergemeinschaft von realpolitischen Idealisten. Wo jeder steht, da ist Anfang. Treibt euch hinein in das Leben, ein ewiger, ungestüm drängender Keil, ein zeitloser epidemischer Aufbruch von Vernunft und Liebe! Treibt zwischenstaatliche Staatspolitik! Herbert Weichmann.